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Das Land- und Amtsgericht in Frankfurt.

Mann in Nidda gestorben

Prozess um unterlassene Hilfeleistung in Frankfurt

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Ein 25 Jahre alter Mann steht in Frankfurt vor Gericht, weil er einem Mann, der in der Nidda den Tod fand, nicht geholfen haben soll. Doch das Verfahren gegen ihn wird eingestellt.

Wer bei Unglücksfällen oder gemeiner Gefahr oder Not nicht Hilfe leistet, obwohl dies erforderlich und ihm den Umständen nach zuzumuten, insbesondere ohne erhebliche eigene Gefahr und ohne Verletzung anderer wichtiger Pflichten möglich ist, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft.“ Laut Anklage hat der 25-Jährige den Tatbestand des Paragrafen 323c, unterlassene Hilfeleistung, voll erfüllt.

In einer eiskalten Januarnacht 2017, so die Anklage, wandert der junge Mann nach einer alkohol- und speedseligen Nacht am Niddaufer heimwärts. Gegen 3.30 Uhr hört er in Höhe der Straße Am Niddatal aus der Nidda „jammernde Geräusche“, die von einem Mann stammen, der im Fluss liegt. Obwohl er ein aufgeladenes Handy dabei hat, wählt der junge Mann weder den Notruf noch hilft er dem Mann. Erst mehr als eine Stunde danach kehrt er mit einem Freund an die Stelle zurück. Da aber ist der Mann bereits tot.

Vor dem Amtsgericht schildert der 25-Jährige die Nacht anders. Das Opfer – es handelt sich um einen 50 Jahre alten, an Epilepsie leidenden Mann, der in dieser Nacht sturzbetrunken war – habe nicht in, sondern an der Nidda gejammert. Er habe gefragt, ob er ihm helfen könne, aber der Mann habe verneint und ihm sein Handy gezeigt. Er sei dann nach Hause gegangen, aber weil ihm die Sache seltsam vorgekommen sei, habe er einen Freund angerufen, gemeinsam sei man dann zurück an die Unglücksstelle – und habe, wenn auch zu spät, den Rettungsdienst gerufen.

Es gibt Indizien, die gegen die Version des 25-Jährigen sprechen. Etwa, dass bei dem Erfrorenen kein Handy gefunden wurde. Und da gibt es die Sprachnachrichten, die der junge Mann seinem Kumpel per Whatsapp gesendet hatte und die vor Gericht gehört werden. „Hier liegt ein Typ in der Nidda, der macht komische Geräusche“, kann man hören. Man kann aber auch „an der Nidda“ hören, die Worte sind nicht allzu deutlich. „Du, ich trau’ mich nicht mal, mich zu bewegen“, kann man hören, oder auch „ihn zu bewegen“, beides ist möglich. Klar hingegen: „Der hat mich heulend angeguckt und sah ganz komisch aus.“ Auch die Staatsanwaltschaft muss eingestehen, dass das weder die Worte noch der Tonfall eines Mannes sind, der einen anderen eben mal sterben lässt, weil es ihm egal ist.

Völlige Fehleinschätzung

Mit Sicherheit aber sind es die Worte eines Mannes, der zumindest eine Situation katastrophal fehleingeschätzt hat. Das passiere seinem Mandanten öfter, sagt sein Verteidiger und zitiert ein Gutachten über den 25-Jährigen, das ein Sachverständiger erst Anfang dieses Monats in einem anderen Prozess präsentiert hatte. Demnach leidet der Angeklagte unter einem angeborenen Hirnschaden, weil seine Mutter während der Schwangerschaft Drogen nahm. Auch in diesem Prozess gegen den 25-Jährigen – der ansonsten nicht vorbestraft ist – ging es um eine Drogensache, auf die im neuen Prozess nicht eingegangen wird, die aber nicht ganz ohne gewesen sein kann, da der Angeklagte zu 150 Tagessätzen verurteilt wurde.

Angesichts dieser deftigen Geldstrafe würde selbst eine Verurteilung in diesem neuen Fall angesichts der verschwommenen Beweislage „nicht wesentlich ins Gewicht fallen“. Das Verfahren wird eingestellt. „Ein schwieriger und tragischer Fall“, urteilt der Richter – aber kein monströser.

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