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100 Meter von der Wohnung der Garderobenfrau entfernt hörte ein Spaziergänger um Mitternacht plötzlich einen Schuss.

"Lasermann"

Mysteriöser Mord an einer Frankfurter Garderobenfrau

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Der als "Lasermann" bekannte Schwede John Ausonius soll im Februar 1992 die Frankfurter Garderobenfrau Blanka Zmigrod erschossen haben. Nach seiner Auslieferung wird ihm jetzt der Prozess gemacht.

Am 18. Februar 1992 gegen 11.30 Uhr klingelt im Büro von Helene Bosch das Telefon. Die Frau ist Managerin des Mövenpick, einem feinen Restaurant gegenüber der Alten Oper im Frankfurter Westend. Am Apparat ist ein Mann, der im barschen Ton erklärt, er sei zehn Tage zuvor beraubt worden. Und zwar von der Garderobiere Blanka Zmigrod, die ihm einen Taschencomputer vom Typ Casio aus der Manteltasche genommen haben soll, nachdem er das Kleidungsstück abgegeben hatte. 

Der unbekannte Anrufer gibt sich als Schwede aus, der in der Schweiz lebt. Dann sagt er noch, dass der Computer ungeheuer wichtig für ihn sei und er 200 D-Mark zahlen würde, wenn die Garderobenfrau den Casio wieder herausgibt. Auf die Frage von Helene Bosch, wohin man ihm den Rechner schicken solle, wenn man ihn findet, entgegnet der Anrufer, er sei viel unterwegs und daher telefonisch nicht zu erreichen. Wenn er das nächste Mal in Frankfurt sei, komme er vorbei.

Fünf Tage später ist Blanka Zmigrod tot. Der Mann, der nach Ansicht der Frankfurter Staatsanwaltschaft ihr Mörder sein soll, steht ab kommenden Mittwoch vor dem Oberlandesgericht in der Mainmetropole. Es wird ein Indizienprozess sein, da der Täter bei seinem Mord nicht von Zeugen beobachtet wurde und es keine stichhaltigen Beweise für die Schuld des nun Angeklagten gibt. Am Ende könnte das Verbrechen nach einem Vierteljahrhundert unaufgeklärt sein. 

Der Schwede ist bereits ein verurteilter Mörder

Für den Angeklagten, den 64-jährigen John Ausonius, hängt vom Ausgang des Verfahrens ab, ob er jemals wieder in Freiheit kommen kann. Denn der Schwede ist bereits ein verurteilter Mörder, der seit 1992 in seiner Heimat eine lebenslange Freiheitsstrafe absitzt. Vor dem anstehenden Prozess hatte er sich noch Hoffnung auf eine Begnadigung und vorzeitige Haftentlassung gemacht. Bei einer Verurteilung in Frankfurt aber wäre ein Antrag auf Begnadigung aussichtslos.

Zwischen August 1991 und Januar 1992 hatte Ausonius in Schweden auf zehn Menschen geschossen und sie zum Teil lebensgefährlich verletzt. Einen elften hat er getötet: Jimmy Rajnbar, ein 34-jähriger Iraner, der seit Jahren in Schweden lebte. Alle Opfer waren Ausländer. Weil Ausonius auf einige von ihnen aus sicherer Deckung heraus mit einem Gewehr feuerte, das über eine Laser-Zieleinrichtung verfügte, nannte ihn die schwedische Presse „Lasermannen“, den Lasermann. Im Juni 1992 wurde er in Stockholm gefasst, nachdem er auf der Flucht durch die halbe Welt gereist war. Die Flucht führte ihn auch nach Deutschland: Nach Dresden, wo er sich eine falsche Identität besorgte, und dann nach Frankfurt, zur schicksalhaften Begegnung mit der Garderobenfrau.

Denn tatsächlich war es Ausonius, der die Mövenpick-Chefin im Februar 1992 angerufen hatte, weil er den Diebstahl seines Casio-Rechners an der Garderobe des Restaurants vermutete. Das gab er bei späteren Vernehmungen zu. Und er erklärte, warum der Taschencomputer damals von so großer Bedeutung für ihn gewesen sei. Denn auf dem Casio waren nicht nur wichtige Telefonnummern gespeichert, sondern auch seine ausländischen Kontoverbindungen, auf denen er die Beute mehrerer Banküberfälle versteckt hatte. 

Doch am 18. Februar 1992 blitzt er mit seinem Verdacht gegen die Garderobenfrau bei der Mövenpick-Managerin ab. Sie glaubt ihrer Angestellten, die beteuert, mit dem Verschwinden des Casio nichts zu tun zu haben. Blanka Zmigrod arbeitet seit 1991 im Mövenpick. Die 68-Jährige gilt als fleißig und zuverlässig, sie ist bei den Kollegen beliebt. Und sie lebt in gesicherten finanziellen Verhältnissen. Den Job im Mövenpick hatte sie vor allem deshalb angenommen, um wieder unter Menschen zu sein. Blanka Zmigrod stammt aus Oberschlesien, wo sie mit ihrer jüdischen Familie lebte, bis die Nazis an die Macht kamen. Nach dem Krieg wanderte sie nach Israel aus, kehrte aber 1960 nach Deutschland zurück und lebt seitdem in Frankfurt.

Einige Tage nach seinem Anruf, am 21. Februar 1992, erscheint Ausonius persönlich im Mövenpick. Lautstark streitet er mit Blanka Zmigrod an der Garderobe, sie solle den Casio herausrücken. Die herbeigerufene Helene Bosch versucht zu schlichten, aber der Schwede will nun den Geschäftsführer sprechen. Als er hört, dass dieser erst drei Tage später, am Montag, wieder im Hause sei, kündigt er an, dann wiederzukommen. Doch Ausonius taucht nie mehr im Mövenpick auf. Aus Angst vor der Polizei, denn er habe sich ja schließlich auf der Flucht befunden, behauptet er später.

Zuerst tippte die Polizei auf einen Handtaschenräuber

Am Tag nach der Auseinandersetzung mit Ausonius hat Blanka Zmigrod wieder Garderobendienst. Kurz nach Mitternacht verlässt sie das Restaurant und begibt sich zu Fuß auf den kurzen Weg nach Hause. Im Kettenhofweg, einige Hundert Meter vor ihrem Wohnhaus, fällt sie einem späten Spaziergänger wegen ihres eiligen Schrittes auf. Kurz darauf sieht der Mann einen Radfahrer mit dunkler Mütze, der die Straße in die gleiche Richtung hinunterfährt. Dann fällt plötzlich ein Schuss. Der Spaziergänger läuft auf die Fahrbahn und sieht, wie sich der Radfahrer auf der Kreuzung Kettenhofweg/Niedenau über eine auf der Straße liegende Frau beugt und ihr die Handtasche wegnimmt, bevor er schnell davonradelt. Der Zeuge hält noch das zufällig vorbeifahrende Auto eines Wachdienstes an, dessen Fahrer über Funk Hilfe ruft – aber der Rettungswagen kommt zu spät. Blanka Zmigrod ist tot. Ihre weiße Handtasche, mit der sie das Mövenpick wenige Minuten zuvor verlassen hatte, ist seitdem verschwunden. 

Die Ermittlungen der Frankfurter Kripo laufen zunächst in eine andere Richtung, was vor allem am Tatort liegt, der sich in der Nähe der Frankfurter Oper befindet. Dort trieben in den Jahren zuvor immer wieder Handtaschenräuber ihr Unwesen, die in den Abendstunden ältere Frauen angriffen und ihnen die Handtaschen raubten. Besonders ein Täter war der Polizei aufgefallen, der bei seinen Überfällen Anfang 1990 stets mit einem Fahrrad auf dem Gehweg an den Frauen vorbeifuhr und nach den Taschen griff.

Ein halbes Dutzend Überfälle beging der unbekannte Mann, bis er am 7. März 1990 beinahe geschnappt wurde. Als er an diesem Tag einer Frau die Handtasche entriss, liefen ihm aufmerksame Passanten nach und stießen ihn vom Rad. Dem Mann gelang zwar die Flucht, allerdings musste er außer seiner Beute auch das Fahrrad und eine Mütze zurücklassen, die er auf dem Kopf trug. Nach diesem missglückten Raub endete die Überfallserie des Radfahrers.

Ist er der Unbekannte, der zwei Jahre nach seinem mutmaßlich letzten Überfall Blanka Zmigrod im Kettenhofweg niederschoss und ihr die Handtasche raubte? Ausschließen will das die Frankfurter Kripo lange nicht, weil auch die Beschreibung des Spaziergängers mit der des Täters von 1990 übereinstimmt. Zudem war auch hier der Räuber mit dem Fahrrad unterwegs, auch hier war sein Ziel die Handtasche des Opfers. Und doch gibt es einen entscheidenden Unterschied – der Täter im Kettenhofweg hat eiskalt einen Menschen in den Kopf geschossen, um an seine Beute zu gelangen. Solche Brutalität hatte der Serienräuber von 1990 nicht an den Tag gelegt.

Waffe und Patronen sind recht ungewöhnlich

Anders als John Ausonius in Schweden, der, was Kaltblütigkeit und Brutalität anbelangt, schon eher in das Täterprofil passt. Auch bei seinen Mordanschlägen auf Migranten in Schweden hatte der Lasermann einige seiner Opfer aus nächster Nähe in den Kopf geschossen mit der Absicht, sie zu töten. Nach der Festnahme von Ausonius in Stockholm und Hinweisen der dortigen Ermittler über den Deutschland-Aufenthalt des Schweden im Februar 1992 stellen die Frankfurter Ermittler die Hypothese auf, dass er der Mörder aus dem Frankfurter Westend sein könnte.

Und tatsächlich gibt Ausonius bei Vernehmungen durch die deutschen Beamten in schwedischer Haft zu, Blanka Zmigrod im Mövenpick des Raubes seines Rechners beschuldigt zu haben. Den Mord aber bestreitet er. Die Frankfurter Ermittler legen daraufhin den Fall vorerst zu den Akten, weil dem Lasermann ohnehin eine lange Haftstrafe in Schweden droht. 

Nun aber, 25 Jahre später und angesichts einer möglichen Begnadigung Ausonius’, hat die Staatsanwaltschaft die Akten des Falles wieder geöffnet. In ihrer Anklage verweisen sie darauf, dass Ausonius ein Motiv für den Mord hatte und die Gelegenheit, da er sich am Tattag in Frankfurt befand. Ihr wichtigstes Indiz jedoch ist die beim Frankfurter Mord eingesetzte Waffe – eine automatische Pistole vom Typ Browning Kaliber .35, die nicht zu den „üblichen“ Waffen bei solchen Verbrechen gehört.

Auch die Munition, mit der Blanka Zmigrod getötet wurde, ist recht ungewöhnlich: Es handelt sich um ein verkupfertes Hohlspitzgeschoss von der US-Firma CCI. Diese Patronen wurden damals zwar in Europa vertrieben, ihr Gebrauch war in Deutschland jedoch untersagt. Sowohl eine Waffe solchen Typs als auch Hohlspitzgeschosse soll Ausonius bei seinen Mordanschlägen in Schweden eingesetzt haben.

Bei einem Gespräch mit John Ausonius vor drei Jahren in der Haftanstalt Österaker bei Stockholm hatte der einstige Lasermann den Mord an Blanka Zmigrod vehement abgestritten. „Nein, ich habe mit dem Mord an der Frau nichts zu tun“, beteuerte er. Das habe er schon 1993 den deutschen Ermittlern gesagt, als die ihn in schwedischer Haft vernahmen. Vor knapp einem Jahr nun lieferten ihn die schwedischen Behörden an Deutschland aus. Ausonius hatte dem zugestimmt, allerdings unter der Bedingung, dass er bei einer möglichen Verurteilung seine Strafe in Schweden absitzen dürfe. 

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