+
Justitia ist wachsam (Symbolfoto).

Landgericht Frankfurt

Mordprozess 27 Jahre nach der Tat

  • schließen

Die Frankfurter Jugendkammer verhandelt gegen einen heute 47-Jährigen, der mit 19 eine Rentnerin in ihrer Wohnung im Bahnhofsviertel getötet haben soll.

Mitunter wandelt Justitia auf seltsam anmutenden Pfaden. So sitzt am Mittwochmorgen der 47 Jahre alte Orhan S. mit grauem Haar und zerfurchtem Gesicht auf der Anklagebank des Landgerichts und wartet darauf, dass der Mordprozess gegen ihn beginnt. Der Vorsitzende Richter wartet auch, und zwar auf einen Vertreter der Jugendgerichtshilfe, der allerdings am ersten Verhandlungstag nicht auftaucht. Es geht dann aber auch ohne ihn. Denn dass der 47-Jährige nach Jugendstrafrecht verurteilt werden wird – oder auch freigesprochen –, das scheint so gut wie sicher.

Orhan S. war zur Tatzeit 19 Jahre alt. Er soll am 30. September 1991 am helllichten Mittag die Terrassentür einer Wohnung in der Windmühlstraße im Bahnhofsviertel aufgehebelt haben, um sie vermutlich zur Finanzierung seiner damaligen Drogensucht auszuräumen. Doch drinnen überrascht ihn deren Bewohnerin, die 90 Jahre alte Maria H. Laut Anklage prügelt S. die alte Frau in die Besinnungslosigkeit, bedeckt ihr Gesicht mit zwei Kissen und sucht weiter nach Beute. Er bricht die Suche ab und flieht mit etwas Schmuck und anderen Wertgegenständen, als Margarethe H., die Tochter der Bewohnerin, dort auftaucht. Die Tochter sieht das Gesicht des mutmaßlichen Mörders ihrer Mutter nicht, nur einen Schatten, der durch die Terrassentür entschwindet. Die Mutter erliegt tags darauf im Krankenhaus ihren schweren Verletzungen, erlitten durch „massive stumpfe Gewalt“ an Hals, Gesicht und Oberkörper. Die Anklage nennt Habgier und Vertuschung einer anderen Straftat – des Raubes – als Mordmerkmale.

1991 war der in Sinsheim geborene türkische Staatsbürger S. aus anderen Gründen in die Türkei abgeschoben worden, wo er schließlich auch heiratete. 2017 aber packte ihn offenbar die Sehnsucht nach dem Land seiner Geburt, an dessen Grenze er aber bei der Einreise prompt verhaftet wurde. Denn der mutmaßliche Mörder hatte 1991 am Tatort einen Fingerabdruck hinterlassen, der nun Orhan S. zugeordnet werden konnte. Doppeltes „Pech“: Mord verjährt in Deutschland nicht.

Bei der Einreise verhaftet

In gewisser Hinsicht hat S. aber auch Glück. Da er zur Tatzeit 19 war, fällt er unter das Jugendstrafrecht. Zwar schreibt der Gesetzgeber de jure vor, dass Jugendstrafrecht bei Minderjährigen angewendet werden muss, bei Heranwachsenden bis 21 Jahren angewendet werden kann. Es kommt aber in der Praxis so gut wie nie vor, dass ein 20-Jähriger nach Erwachsenenstrafrecht verurteilt wird. Dieses Recht S. vorzuenthalten wäre daher eine klare Ungerechtigkeit.

Zudem sieht das Jugendstrafrecht mittlerweile vor, dass in Ausnahmefällen, etwa der besonderen Schwere der Schuld bei einem Mord, eine Jugendstrafe von mehr als zehn Jahren verhängt werden kann. 1991 aber betrug die Höchststrafe im Jugendrecht noch zehn Jahre. Wenn sich aber Rechtsnormen im Lauf der Zeit ändern, so ist bei einem Angeklagten ausnahmslos die mildere Strafnorm anzuwenden. Mehr als zehn Jahre Jugendstrafe muss der 47-Jährige also nicht fürchten.

Am ersten Verhandlungstag wurde lediglich die Anklage verlesen. Orhan S. äußerte sich weder zur Tat noch zu seiner Person – sein Verteidiger Thomas Scherzberg hat für den kommenden Verhandlungstermin am nächsten Dienstag angekündigt, im Namen seines Mandanten eine Erklärung abzugeben, die aber nicht länger als zehn Minuten dauern werde. Für diesen Verhandlungstag wird auch die Zeugenaussage der Tochter erwartet, die in dem Prozess als Nebenklägerin auftritt, dem ersten Verhandlungstag allerdings fernblieb.

Aller Wahrscheinlichkeit nach wird am Dienstag auch ein Vertreter der Jugendgerichtshilfe vor der 8. Großen Jugendkammer erscheinen. Ob der aber dazu beitragen kann, ein erhellendes Licht auf die Person Orhan S. zu werfen, darf mit Fug und Recht bezweifelt werden.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare