Prozess

Mathematik schlägt Emotion

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Rechenaufgabe eines Amtsrichters spart im Vorfeld eines Prozesses Zeit und Geld.

Die emotionale Dringlichkeit ihres Einspruchs unterstreicht die 34 Jahre alte Houda O. mit einem Tränenausbruch. Der Einspruch richtet sich gegen einen Strafbefehl über 100 Tagessätze à zehn Euro. Der Strafbefehl richtet sich gegen folgendes Verhalten:

An einem Oktoberabend 2014 fährt Houda O. so gut sie kann ihre damals drei Jahre alte Tochter im Kinderwagen über die Königsteiner Straße in Höchst. Wegen ihres „alkoholisierten Zustands“ kann sie es nicht besonders gut, das Kind fällt mehrfach aus dem Wagen, Passanten rufen die Polizei. Als die Beamten eintreffen und als erstes das Kind fragen, wie es ihm gehe, dreht die Mutter durch und geht auf die Beamten - eine Frau und einen Mann - los. Bei dem Versuch, sie zu bändigen, kassiert der Polizist etliche Schläge und Tritte, die ziemlich folgenlos bleiben. Seine Kollegin stürzt, prellt sich die Hüfte und ist drei Tage dienstunfähig geschrieben.

Houda O.s Verteidigerin erklärt, dass es bei dem Einspruch um eine Reduzierung des Strafmaßes gehe. Ihre Mandantin sei in „besonderen emotionalen Umständen“ gewesen, die – neben dem Sekt – für den Berserker-Auftritt verantwortlich gewesen seien. Sie hätte erst kurz vor dem Vorfall vom Jugendamt das Sorgerecht für ihre Tochter zurückerhalten und habe gefürchtet, dieses wieder zu verlieren. Nicht ganz zu Unrecht: Seit diesem Vorfall steht die mittlerweile Vierjährige wieder unter der Obhut des Amtes.

Bevor der Prozess so richtig losgeht, lässt der Richter Zahlen sprechen. Laut Paragraph 114 I StGB werde ein tätlicher Angriff auf Vollstreckungsbeamte mit einer Mindestfreiheitsstrafe von drei Monaten geahndet - dies entspreche 90 Tagessätzen. Den Strafbefehl, der nur zehn Tage über dem Minimum liege, betrachte er als „sehr freundliche Geste der Staatsanwaltschaft“. Vor allem, da O. eine Wiederholungstäterin sei: Sie ist bereits zweimal wegen Vollrausches und Widerstand verurteilt worden. Zudem sei eine Polizistin verletzt worden, die nun in dem Prozess nicht nur als Zeugin, sondern auch als Adhäsionsklägerin auftreten will. Das heißt: Sie will den von O. durch ihren Einspruch initiierten Strafprozess nutzen, um ein zivilrechtliches Schmerzensgeld einzuklagen. Zudem, verrät der Richter im Vorfeld, veranschlage der Strafbefehl die Höhe des Tagessatzes mit acht Euro. Bei ihm aber liege der Tagessatz für Hartz-IV-Empfängerinnen – und um eine solche handelt es sich bei O. – bei zehn Euro. Jetzt solle sie besser mal selbst nachrechnen, bevor sie auf ihrem Einspruch bestehe. 

Nach kurzer Beratung mit ihrer Verteidigerin zieht Houda O. ihren Einspruch zurück. Der Prozess wird umgehend eingestellt. Houda O.s Tränenausbruch auch.

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