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Der Angeklagte (2. von links) wird im Landgericht in Frankfurt von seinen Anwälten Andreas Groß (Mitte) und Thomas Scherzberg (rechts) verdeckt. (Archivbild)

Mord am Ben-Gurion-Ring

Lächelnder Todesschütze

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Tödlicher Streit um Rauschgift. Ein Rocker stirbt am Ben-Gurion-Ring in einem Kugelhagel. Der Schütze muss sich jetzt vor dem Landgericht Frankfurt verantworten. Während er auf seine Opfer schoss, soll er gelacht haben.

Der Mordprozess gegen Zubbaidullah K. beginnt mit einer Unhöflichkeit. Im Zuschauerraum sitzen etliche Freunde des Opfers Kibrom T., genannt Kimbo. Viele von ihnen gehören wohl zum Rockerclub Gremium, bei dem auch Kibrom T. Mitglied war. Sie tragen schwarze T-Shirts mit dem Aufdruck „Kimbo – unvergessen!“ Allerdings vergessen sie aufzustehen, wenn das Gericht den Saal betritt. Als die Vorsitzende Richterin Bärbel Stock ein „Mindestmaß an Respekt“ einfordert, stehen die Rocker doch noch auf – nachdem ihr Capo ihnen dies durch eine Geste erlaubt.

Die Staatsanwaltschaft spricht von Mord: Am 2. April 2014 gegen 16.45 Uhr radelte Zubbaidullah K., in der Hand eine Pistole, zum Weiher am Ben-Gurion-Ring, wo Kibrom T. es sich mit zwei Kumpels gemütlich gemacht hatte. Grußlos begann er, auf den 29 Jahre alten Deutsch-Äthiopier und seine Begleiter zu feuern – Kibrom T. starb, seine Begleiter wurden im Bauch beziehungsweise verlängerten Rücken getroffen.

Das Szenario, das in der Anklage beschrieben wird, wirkt surreal: Mindestens 22 Schüsse soll K. auf sein Opfer abgegeben haben, 13 Kugeln fanden ihr Ziel. Während des Feuerns und Nachladens soll Zubbaidullah K. gelacht haben. Und gerufen haben: „Jetzt bin ich ein Mann!“, „Niemand rippt meine Familie“ und „Seht, was ich mit dem Nigger mache: Ich habe ihn umgebracht. Warum applaudiert mir keiner?“

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass K. schoss, weil er die „Ehre der Familie“ beschmutzt sah. Kibrom T. soll zuvor einen der vielen Brüder Zubbaidullah K.s (und einen der wenigen davon, die gerade auf freiem Fuß waren) bei einem Drogendeal abgezogen und um 40.000 Euro geprellt haben.

Der Angeklagte, der während des ersten Prozesstages aus unerfindlichen Gründen aus dem Lächeln gar nicht mehr herauskommt, will sich zur Tat nicht äußern. Leugnen will er sie allerdings auch nicht, schon allein mangels Möglichkeit. Die Freizeitanlage am Ben-Gurion-Ring war an jenem Tag gut besucht, ebenso der nahe Spielplatz. Nur soviel verrät K.: Das Geld, um das Kimbo T. seinen Bruder betrogen habe, habe er selbst eigentlich gebraucht, um sich in seiner afghanischen Heimat mit einer Cousine verheiraten zu lassen. Daraus wurde nichts: kein Geld, keine Cousine, ärgerlich das.

Viel passiert nicht am ersten Verhandlungstag, selbst die Rocker hinter dem Trennglas bleiben – vielleicht auch wegen der massiven Polizeipräsenz – lammfromm und beschränken sich auf vereinzelte Zwischenrufe. Interessant ist, dass sich in den Reihen der Kimbo-T-Shirt-Träger ein paar Gesichter befinden, die man bei Gericht gut kennt: Es handelt sich um die Gang, die vor einigen Jahren als „Heddernheimer U-Bahn-Schläger“ bekannt geworden ist – und mittlerweile offenbar als bevorzugtes Fortbewegungsmittel die U-Bahn durch das Krad ersetzt hat.

Auf der Beerdigung Kibrom T.s gaben damals Hunderte von Rockern, Freunden und Familienangehörigen dem Opfer das letzte Geleit. Ein Redner bezeichnete T. als „Robin Hood vom Block“. In eine ähnliche Kerbe schlug gestern ein Zeuge: Es ist derjenige von T.s Freunden, den eine Kugel am Steiß erwischt hatte. „Kimbo“ habe im Kiez „viele, viele gute Freunde“ gehabt. Deswegen sei er weder am Tattag noch sonstwann mit geladener Pistole unterwegs gewesen. „Der war in Bonames relativ sicher. Bis zu diesem Tag.“

Die Opfer der Tat gelten im Viertel aber vermutlich auch nicht als Kinder von Traurigkeit. Vor der Tat hatten sie offenbar einen jungen Mann, der eher Zubbaidullah K.s Dunstkreis zuzuordnen ist, in Gemeinschaftsarbeit grün und blau geschlagen. Ob dies wegen Auseinandersetzungen im Dealer-Milieu geschah oder weil das Prügelopfer zuvor ein Auto von T.s Kumpel beschädigt hatte, ist unklar. Für die Tat spielt es wohl auch keine wesentliche Rolle.

Der Prozess wird in knapp drei Wochen fortgesetzt.

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