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Bei dem Unfall in Obertshausen im Juni 2015 kam ein Mann ums Leben (Symbolbild).

Amtsgericht Offenbach

Mit 146 km/h Fußgänger überfahren

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Das Offenbacher Landgericht verurteilt einen MS-Kranken wegen fahrlässiger Tötung zu einer Geldstrafe. Der Mann hatte mit hohem Tempo einen Fußgänger überfahren und getötet.

Es ist ein Schreckensszenario, das sich am 11. Juni 2015 gegen 17 Uhr in Obertshausen ereignet:

Ein Autofahrer rast auf der Bundesstraße 448 mit 146 Stundenkilometern pro Stunde auf die Gathofkreuzung zu, überfährt die rote Ampel und erfasst ungebremst einen Fußgänger, der gerade bei Grün über die Straße geht. Der Passant wird 40 Meter durch Luft geschleudert und verstirbt augenblicklich.

Der Anblick ist so schrecklich, dass Augenzeugen Hilfe bei Sanitätern und beim Unfallpsychologen in Anspruch nehmen müssen. Das 34-jährige Opfer ist ein Familienvater aus Obertshausen; er hinterlässt eine kleine Tochter.

Der Todesfahrer wurde am Dienstag im Amtsgericht Offenbach wegen fahrlässiger Gefährdung des Straßenverkehrs und wegen fahrlässiger Tötung verurteilt. Das Schöffengericht verhängte eine Geldstrafe von 150 Tagessätzen à 60 Euro. Außerdem muss er die Kosten des viertägigen Verfahrens übernehmen, bei dem fünf Unfallzeugen und vier Ärzte gehört wurden.

Dass die Strafe nicht höher ausfiel, lag an seiner Krankheit: Der 52-jährige Obertshausener hat seit acht Jahren Multiple Sklerose (MS), er leidet an Ausfall- und Lähmungserscheinungen.

Am Tattag hatte er an der Ausfahrt aus dem Tannenmühlkreisel auf die B448 eine spastische Lähmung – eine sogenannte Streckspastik – in beiden Beinen erlitten. Die Folge: Er drückte das Gaspedal voll durch. Er habe noch vergeblich versucht, das rechte Bein vom Gaspedal zu nehmen, erklärte er vor Gericht. Zwei Kilometer später kam es zu dem folgenschweren Unfall an der Kreuzung, die nur mit Tempo 60 befahren werden darf.

„Sein Verhalten auf der Fahrtstrecke kann ihm nicht vorgeworfen werden“, sagte Richterin Petra Schott-Pfeifer in der Urteilsbegründung. Er habe nicht binnen zwei Kilometern oder 72 Sekunden eine Entscheidung wie ein Gesunder treffen können, der den Hebel der Automatikschaltung auf Null gestellt hätte. 

Die Richterin warf dem Mann aber vor, er habe mit dem Wissen über seine Krankheit zu der Einsicht kommen müssen, sich nicht ans Steuer setzen zu dürfen. Für die Bewertung der Fahrlässigkeit spielte es aber eine Rolle, dass ihm die Ärzte das Fahren nicht explizit untersagt hatten. 

Nebenklage: „Vorsatzdelikt“

Den Angaben des Verteidigers, sein Mandant habe am Tattag „erstmals und ein einziges Mal einen Krampf nicht nur im linken, sondern auch im rechten Bein erlitten“, wollte die Richterin nicht folgen. Schon im Februar und Mai 2014 sowie im Frühjahr 2015 sei es nachts zu Verkrampfungen beider Beine gekommen, hatte ein behandelnder Arzt vor Gericht ausgesagt.

Die Vertreterin der Nebenklage sprach von einem „Vorsatzdelikt“. Der MS-Kranke, der vor Gericht im Rollstuhl saß, habe nicht einsehen wollen, dass er nicht hätte fahren dürfen. Sie forderte wie der Staatsanwalt eine Geldstrafe von 1500 Euro zugunsten der Verkehrswacht Offenbach und eine Freiheitsstrafe von einem Jahr, auf drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt.

Der Angeklagte sagte in seinem letzten Wort, er habe aus Unkenntnis einen Menschen getötet. Er sei immer davon ausgegangen, dass die Einschätzung des Arztes, er dürfe nur Wegstrecken bis 50 Kilometer fahren, nur von der Dosierung der Medikamente abhängig sei. Außerdem habe er sich nach einem Klinikaufenthalt „sehr viel fahrtüchtiger als zuvor“ gefühlt.

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