Prozess wegen Freiheitsberaubung

Junge Frau in die Türkei verschleppt

Eltern und Onkel bringen eine junge Frau gegen ihren Willen in die Türkei. Ein Gericht verurteilt die in Frankfurt und Friedberg lebenden Angeklagten zu einer Bewährungsstrafe.

Weil sie eine junge Frau in die Türkei verschleppt haben, hat das Stuttgarter Landgericht deren Onkel und ihre Eltern zu Bewährungsstrafen verurteilt. Die Eltern kamen wohl mit dem westlichen Lebensstil ihrer Tochter nicht zurecht, wie der Richter am Freitag erklärte. Sie akzeptierten den Freund ihrer Tochter nicht. Deshalb passte der Onkel die damals 22-Jährige im Jahr 2011 in Stuttgart ab, gab ihr laut Gericht einen Eistee mit Schlafmittel und brachte sie zusammen mit dem Vater gegen ihren Willen im Auto nach Ostanatolien. Die Frau wurde im Haus ihrer Großmutter festgehalten und heiratete dort. „Es war keine Zwangsheirat“, betonte der Richter.

Nach Darstellung des Gerichts wollte die junge Frau dem Mann eine Chance geben. Die Ehe habe aber nicht lange gehalten. Deshalb sei sie im Januar 2013 mit Hilfe von türkischen Frauenrechtlern geflohen und nach Deutschland zurückgekehrt. Auch die jeweils 52 Jahre alten Eltern und der 45 Jahre alte Onkel leben wieder in Deutschland: Vater und Mutter in Friedberg (Wetteraukreis), der Onkel in Frankfurt. Der Vater des Opfers und das Opfer selbst sind Deutsche, Mutter und Onkel haben die türkische Staatsangehörigkeit.

Die junge Frau war 2011 vor ihren Eltern in ein Frauenhaus geflüchtet. Der Richter sagte: „Sie wollte aus der Obhut ihrer Eltern raus.“ In der Familie habe es ganz normale Probleme gegeben. Aber das man die abtrünnige Tochter geschnappt und verschleppt habe, könne man nicht verstehen. Zu ihr sei gesagt worden, dass ihre Eltern in der Heimat einen Unfall gehabt hätten. „Dann kam ihr die angeblich schwer verletzte Mutter entgegengewackelt“, sagte der Richter weiter.

Junge Frau bis heute traumatisiert

Der Onkel und der Vater wurden zu jeweils zwei Jahren Gefängnis auf Bewährung verurteilt, die Mutter zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und sechs Monaten. Die Anklage hatte für die beiden Männer jeweils drei Jahre Gefängnis, für die wegen Beihilfe angeklagte Mutter zweieinhalb Jahre Haft beantragt. Die Anwälte stellten keinen konkreten Strafantrag, sprachen sich aber für Bewährungsstrafen aus. Die Anwältin des Vaters sagte in ihrem Plädoyer: „Eltern können ihre Kinder einfach manchmal nicht loslassen.“

Die Staatsanwältin sagte, die junge Frau sei damals aus ihrem Lebensumfeld gerissen worden. Sie habe kurz vor dem Abschluss ihrer Berufsausbildung gestanden. Sie sei bis heute traumatisiert.
Zwischen Gericht, Staatsanwaltschaft und Verteidigung hatte es ein Gespräch über das mögliche Strafmaß gegeben. Daraufhin räumten die Angeklagten über ihre Anwälte den Vorwurf ein. Im Gegenzug erklärte die Strafkammer, Bewährungsstrafen zu prüfen. Der Vorwurf der Geiselnahme wurde fallengelassen und die Anklage auf gefährliche Körperverletzung beschränkt.

Die heute 28-Jährige lebt an einem gesicherten Ort, der nicht genannt wurde. Eltern und Onkel müssen ihr nun 23 000 Euro Schadenersatz zahlen. (dpa)

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