Landgericht Frankfurt

Haftstrafen für Immobilienbande

  • schließen

Nach zehnmonatiger Prozessdauer gewährt das Landgericht Frankfurt keinem der fünf Angeklagten Bewährung.

Am Montagmorgen liest Werner Gröschel, Vorsitzender Richter der Wirtschaftskammer des Landgerichts, den fünf Bauunternehmern nicht nur ihr Urteil vor, sondern auch die Leviten. Verurteilt wird das Quintett rechtlich wegen Hinterziehung von Bauabzugs- und Umsatzsteuer sowie Vorenthalt von Sozialabgaben für ihre Bauarbeiter in Höhe von mehr als zehn Millionen Euro. Und moralisch für eine „moderne Form des Sklavenhandels“, wie Gröschel das Baugewerbe freundlich umschreibt. Es sei höchstens juristisch unbedenklich, wenn man selbst über den Kauf eines neuen Ferraris nachdenke, weil die zwei alten langweilig zu werden drohen, bei der Planung der Baracken für neue Bauarbeiter am Telefon aber gleichzeitig scherze, die „Rumänen brauchen doch gar keine Fenster – Loch in der Wand und Teppich davor genügt.“

Das Gericht verurteilt den Angeklagten Emanuel L. zu zwei Jahren und neun Monaten. Der Arzt und Immobilienspekulant aus dem Westend habe seine „exorbitant guten Kontakte in die Immobilienszene“ in die Bande eingebracht, deren Aushängeschild er gewesen sei. Said M., der als Kopf der Bande gilt und „ohne dessen Okay definitiv nichts lief“, wird zu vier Jahren und neun Monaten, sein Schulfreund Savvas V. zu zwei Jahren und drei Monaten verurteilt. Beide waren durch den Betrieb von Sportwettbüros reich geworden und hatten zudem mit einer Bande „albanischer Berufsverbrecher“ und Kokainimporteure mehr als nur zarte Bande geknüpft.

Selbsternannter „serbischer Soldat“

Said M., Kind von Eltern, die aus dem Iran geflüchtet waren, hatte sich über die Hauptschule aufs Gymnasium durchgeboxt, wo er Savvas V. kennenlernte. V. versuchte sich nach dem Abi kurz als Student der Betriebswirtschaftslehre und Sportphilosophie, ehe er sein Geld im Glücksspiel fand. Als es Said M. in die Immobilienspekulationsbranche zog, begleitete Savvas V. ihn als Adabei und Kassenwart mit hohem Geselligkeitsfaktor. Er sitzt als einziger der Angeklagten noch in Haft, gegen ihn läuft parallel ein Landgerichtsprozess wegen Beihilfe zum Kokainhandel in großem Stil.

Nesboja S., der Baustellen-Feldwebel, wird zu drei Jahren und neun Monaten verurteilt. Die Kammer stellt noch einmal seine „Nibelungentreue“ und den „bedingungslosen Gehorsam“ gegenüber Said M. fest – in einem abgehörten Telefonat hatte er sich selbst als dessen „serbischer Soldat“ bezeichnet. Von allen Angeklagten hat S. die sinisterste Vergangenheit: Er wurde unter anderem wegen Körperverletzung und Falschaussage verurteilt und arbeitete früher in einem Call-Center. Mustafa I., der Buchhalter der Bande, wird zu drei Jahren verurteilt. Er war vermutlich das kleinste Licht in der Kette auf der Anklagebank. Für seine Tätigkeiten soll er um die 10.000 Euro im Monat bekommen haben, die er szenetypisch verjuckt hat. Echtes Geld haben die anderen verdient.

Da sie aus der U-Haft heraus mindestens ein Immobilienpaket für 183 Millionen Euro verkauft hatten, konnten sich die Angeklagten im Vorfeld eine umfangreiche Schadenswiedergutmachung leisten – vor allem Emanuel L., lobte die Kammer, habe sich bei der Wiedergutmachung ernsthaft bemüht. Die von dessen Verteidigern zuvor geäußerte Befürchtung, ihr Mandant könne durch das Urteil möglicherweise seine Approbation verlieren, versuchte Gröschel zu mildern: Das sei unwahrscheinlich, denn das Vergehen Steuerbetrug habe ja nichts mit seinem Beruf als Arzt zu schaffen – auf den sich L. nach eigenen Angaben in Zukunft allein konzentrieren will.

Im Prozess, der seit Januar in mehr als 40 Verhandlungstagen geführt worden war, hatten die Angeklagten im Alter von 36 bis 51 Jahren Teilgeständnisse abgelegt, sich aber größtenteils auf Unwissenheit und Fahrlässigkeit berufen. Ihre Reaktion auf die Ansage der Staatsanwaltschaft, dass es in Deutschland sowohl eine Bauabzugssteuer als auch Sozialabgaben für Arbeitnehmer gebe, kann man getrost mit „Huch!“ beziehungsweise „Ach so!“ zusammenfassen.

Richter Gröschel zeigte durchaus Verständnis dafür, dass man angesichts der harten Konkurrenz im Baugewerbe ganz schön in Stress geraten könne. „Aber Sie sind diejenigen, die die Preise bestimmen – nicht die, die darunter zu leiden haben.“

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare