Fall Johanna

Gericht sichtet Kinderpornos

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Im Prozess um Johanna Bohnackers Tod werden am Gießener Landgericht Video- und Bilddateien des Angeklagten mit Kinderpornografie gezeigt. Mehrere Millionen hat die Polizei in seiner Wohnung sichergestellt.

Dieser Moment am gestrigen Dienstag dürfte manchem Zuhörer im Saal 207 des Gießener Landgerichts einen Schauer über den Rücken gejagt haben. Der im Fall „Johanna Bohnacker“ mit der digitalforensischen Auswertung der beschlagnahmten Datenträger betraute Kriminalbeamte spielt ein kurzes Video ab.

Es dient als Beweismittel gegen den 42 Jahre alten Angeklagten Rick J., der die achtjährige Johanna aus Ranstadt im Wetteraukreis am 2. September 1999 entführt und getötet hat, das Geschehen von damals aber, anders als die Staatsanwaltschaft, als einen Unfall darstellt. Diese ist sich sicher: Es war Mord, um einen vorherigen sexuellen Missbrauch zu vertuschen. Die Zuschauer können das Video nicht sehen, nur Bruchstücke sind von dem zu hören, was sich Richterin Regine Enders-Kunze da gerade anschaut. „Kinderpornografische Inhalte, bei denen das Thema Fesselung auch eine Rolle spielte“ sind laut dem Kriminalpolizisten zu sehen.

Die Mutter der getöteten Johanna hat den Gerichtssaal verlassen, sie kann sich das nicht ansehen. Die Aufnahme endet mit einem Schrei, der von einem Kleinkind stammen könnte. Es herrscht Stille im Gerichtssaal, die vom laut klackenden Minutenzeiger der großen Uhr über den Zuschauern unterbrochen wird.

Zwischen sechs und sieben Millionen Video- und Bilddateien haben die Ermittler laut dem Friedberger Kriminalbeamten bei zwei Durchsuchungen im vergangenen Jahr sichergestellt. Das erste Mal stellten die Ermittler die Wohnung bereits im Februar 2017 im Zusammenhang mit dem sogenannten Maisfeld-Fall bei Nidda auf den Kopf. Der Fall hatte die Polizei auf die Spur von J. gebracht. Jagdpächter hatten ihn bei einvernehmlichen Fesselspielen mit einer 14-Jährigen ertappt. Die Fesselungstechnik und das verwendete Klebeband hatten Parallelen zum Fall „Johanna“ aufgewiesen. Dank neuerer Kriminaltechnik konnte ein Teilfingerabdruck vom Klebeband am Fundort von Johannas Leichnam J. nun zugeordnet werden.

Was die Beamten an Bild- und Videomaterial in der völlig zugemüllten und verdreckten Wohnung fanden, war gespeichert auf alten VHS-Kassetten, CDs, Festplatten, PCs, USB-Sticks. Beamte der Sonderkommission „Johanna“ hätten monatelang nichts anderes gemacht als diese mit Hilfe von spezieller Software auszuwerten. Insgesamt 5000 der Dateien seien als kinderpornografisch zu klassifizieren.

Um die 1000 dieser Videos und Fotos müssten noch untersucht werden. Tausende weitere Fotos und Clips zeigten „junge Mädchen in Alltagssituationen“, etwa 1000 seien heimlich mit dem Handy aufgenommen worden. Zu sehen sind Mädchen auf dem Schulweg, am Bahnhof, auf Spielplätzen. Obschon nicht strafrechtlich relevant, sollen Letztere die perverse und schon früh aktenkundige Hinwendung von Rick J. zu Kindern belegen.

Als einige Aufnahmen am Dienstag gezeigt werden, starrt der Angeklagte teils mit ausdruckslosem Gesicht auf den Bildschirm, teils bewegt er einen Stift über die Unterlagen vor sich. Einige der sichergestellten Dateien, das äußert der in Bad Nauheim geborene und bei Adoptiveltern in Karben-Petterweil aufgewachsene Mann am fünften Verhandlungstag noch mal, will er nie gesehen haben.

Abgespielt werden an diesem Mittag auch ein paar Videos, die der Mann in seiner 38 Quadratmeter großen Dachgeschosswohnung in einem Friedrichsdorfer Gewerbegebiet von sich selbst gemacht hat. Auf 100 der beschlagnahmten Dateien sind solche Aufnahmen mit der Laptopkamera zu sehen. Etliche offenbaren die Missbrauchs- und Vergewaltigungsfantasien von J.

Wie zwei an den Durchsuchungen beteiligte Kripobeamte am Dienstag schildern, müssen sich die Widerwärtigkeiten in einer Umgebung abgespielt haben, die einer Müllhalde glich. Nur das versiffte Bett habe noch frei gestanden. Pizzakartons, Flaschen, verschimmeltes Essen, Hunderte Fruchtfliegen. Das Waschbecken im vollgestellten Badezimmer sei schwarz vor Schmutz gewesen. Ein „starker Fäulnisgeruch“ habe in der Luft gelegen. „Über die Wohnung verteilt lagen irgendwelche benutzten Sexspielzeuge“, berichtet ein Polizist. Ebenso habe man „viel Kinderkleidung“ und „größere Mengen an Betäubungsmitteln“ gefunden. Vier Tage dauerte die zweite Durchsuchung im Oktober 2017 nach J.’s Festnahme.

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