Wetterau

Geld für Sex und Wertpapiere veruntreut

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In Gießen beginnt der Prozess gegen einen früheren Fachbereichsleiter der Sparkasse Oberhessen. Der Mann soll mehrere Millionen Euro auf sein Privatkonto abgezweigt haben.

Auf der Anklagebank im Landgericht Gießen sitzt ein unscheinbarer Mann. Maik H. ist klein gewachsen, trägt eine schlichte Brille und macht einen schüchternen Eindruck. Seine früheren Kollegen bei der Sparkasse Oberhessen mochten ihn.

„Er hat einen auf Kumpel gemacht“, sagt eine von ihnen, die direkt mit dem heute 44-Jährigen zusammenarbeitete. H., der aus Limeshain im Wetteraukreis kommt, war keine kleine Nummer in der Sparkasse. Er leitete den Fachbereich Rechnungswesen. Als die Mitarbeiter Anfang April davon erfuhren, dass ihr Chef, Ehemann und Vater dreier Kinder, über zehn Jahre viele Millionen Euro veruntreut haben soll, fielen sie aus allen Wolken.

Einige von ihnen sitzen am Donnerstag im Zuschauerraum. Sie wollen Erklärungen. Insgesamt legt die Staatsanwaltschaft H. in der Anklage 34 Fälle von gewerbsmäßiger Untreue zur Last, die sich zwischen Mai 2012 und April 2017 ereignet haben. Um rund 4,3 Millionen soll er das Kreditinstitut in diesem Zeitraum erleichtert haben. Doch das ist nicht alles: Insgesamt beläuft sich der Schaden auf ungefähr 8,7 Millionen Euro, etliche Taten sind aber verjährt.

Vor der Zweiten Großen Strafkammer verliest Staatsanwalt Matthias Rauch die Anklage. Von diversen Konten der Sparkasse habe Maik H. das Geld auf ein privates Girokonto bei der Deutschen Kreditbank beiseite geschafft. Anstatt seines Namens gab er laut Rauch die Bank als Empfänger an. Im Verwendungszweck fanden sich „Zahlenkolonnen“, Belege erstellte er selbst. Buchungen seien im „Vier-Augen-Prinzip“ abgearbeitet worden. H.’s Mitarbeiter hatten Vertrauen zu ihrem Chef. Nach Vorschrift prüften sie nur, ob formal alles seine Richtigkeit hatte.

Mit Hilfe von Querbuchungen zwischen internen Konten der Sparkasse gelang es dem Beschuldigten, die Geldflüsse, die er weitgehend gestanden hat, zu verschleiern. Das Treiben flog erst Anfang April auf, als die Deutsche Kreditbank der Sparkasse in Friedberg einen Geldwäscheverdacht meldete.

Nötig hatte Maik H. das Geld auf den ersten Blick nicht. Sein letztes Nettoeinkommen lag nach eigener Aussage bei rund 4000 Euro plus Kindergeld. Das Familienleben schien intakt. 2014 brachte seine Frau Zwillinge zur Welt. In seinem Heimatort war er angesehen. In der 5600-Einwohner-Gemeinde Limeshain saß er seit 2011 für die SPD in der Gemeindevertretung. Im April 2016 wurde er zum Vorsitzenden des Parlaments gewählt. Nachdem die Vorwürfe bekannt geworden waren, zog er sich aus der Politik zurück. Viele Jahre engagierte sich H. zudem in verschiedenen Sportgremien.

Geld für Wertpapiere, Grundstücke und Sex 

Das Leben von H. begann indes schon 2007 aus den Fugen zu geraten. Er nahm einen Kredit für das Haus auf, wollte ein bürgerliches Leben führen. „Hausbau, Geld fehlt, dann ging es los“, sagt der Vorsitzende Richter Jost Holtzmann am Donnerstag. Einen beachtlichen Teil des Geldes soll Maik H. laut Staatsanwaltschaft überdies in Wertpapiere für sich und seine Kinder sowie Grundstücke investiert haben.

Einen anderen Teil habe H. für „sexuelle Dienstleistungen im SM-Bereich“ ausgegeben, berichtet Staatsanwalt Rauch. „SM“ steht für Sadomaso. Die Rede ist von „Zahlungen an verschiedene Damen“. Nähere Informationen erfahren die Zuhörer im Gerichtssaal. Bevor sich der Angeklagte zu diesem Thema äußert, müssen sie den Saal verlassen. So solle die Privatsphäre des Angeklagten geschützt werden, erklärt Richter Holtzmann. Die Rede ist auch von Drogenproblemen. Mit der Suchthilfe habe H. in den zurückliegenden Wochen drei Gespräche geführt.

Immer wieder schütteln frühere Kollegen im Publikum den Kopf, können es nicht fassen. Ruhig schildert H. währenddessen, wie es im gelang, die Bank, für die er in der Außenstelle in Nidda seinen Dienst versah, zehn Jahre lang zu hintergehen. „Ich kannte alle Arbeitsabläufe, ich kannte die Schwachstellen“, sagt er. Die Kollegen hätten die Fehler nicht erkennen können. Dass der gelernte Bankkaufmann mit zig Weiterbildungen, unter anderem zum Sparkassen-Betriebswirt und Finanzbuchhalter, damit solange durchkam, wundert ihn trotzdem. Hätte eine interne oder externe Revision die Vorgänge überprüft, hätte das viel früher herauskommen können.

Rund 4,3 Millionen Euro des veruntreuten Geldes sind laut Staatsanwaltschaft inzwischen gesichert. Sollte H. verurteilt werden, drohen ihm bis zu zehn Jahre Haft. Am 11. Dezember geht der Prozess weiter.

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