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Al Pacino als "Scarface", angelehnt an die Geschichte von Al Capone. Der Film erfreut sich bei den Angeklagten offenbar einer gewissen Beliebtheit. Al Capone wurde übrigens am Ende doch noch verurteilt - wegen Steuerhinterziehung.

Landgericht

Ganz großes Kino für den Kopf

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Am Montag endet vor dem Landgericht ein langer Steuerbetrugsprozess – mit einer ziemlich spannenden Hintergrundgeschichte.

Wenn es ein Film wäre, dann hätte er jedenfalls schon mal einen guten Titel, und erdacht hätte ihn der Verteidiger von Said M. „,Der gute Mensch aus dem Westend‘ ist charmant besetzt“, gestand der Anwalt in seinem Plädoyer ein, aber das Drehbuch tauge nichts und werde zudem ständig umgeschrieben. Und dass die Haupt- und Titelfigur, der Arzt und Angeklagte, der Immobilienspekulant und Kronzeuge Emanuel L., nicht wie üblich auf der Anklagebank zur Linken des Gerichts, sondern rechts an der Seite der Staatsanwaltschaft sitze, habe nichts damit zu tun, dass das Quintett sich geteilt hätte – in den guten Menschen aus dem Westend und vier andere. Das sei bloß „eine Regieanweisung der Kammer“. (Regie: Werner Gröschel). Für kommenden Montag, den Tag der Urteilsverkündung, plädiert er für seinen Mandanten auf ein Happy End mit Bewährung.

Die Kritik des Verteidigers ist zu hart. Ja, wenn der Prozess ein Film wäre, dann hätte er Überlänge. Er läuft seit Januar dieses Jahres. Und er hatte reichlich Leerlauf. Das ist Wirtschaftsprozessen zu eigen. Und wäre die Anklageschrift ein Drehbuch, könnte man zu Recht monieren: viele verschenkte Möglichkeiten! Aber wenn man sich auf ihn einlässt, dann ist der Prozess großes Kino für den Kopf. Der Prozess ist natürlich kein Film. Aber man kann ja mal so tun.

Drehbuch: Die Schulfreunde Said M. und Savvas V., die an der Musterschule ihr Abi machen, ziehen aus, um reich zu werden, was als Betreiber von Frankfurter Tipico-Wettbüros auch ruckzuck gelingt. Dabei lernen sie aber auch komische Leute kennen. Zumindest Savvas V. pflegt durch Abhörprotokolle belegte gute Kontakte zu einem gewissen Leci, der vermutlich rechten Hand des Chefs einer Kokainschmugglerbande, der sich „Micky Maus“ nennt. (Spoiler: Leci brach sich bei einem Treppensturz in Marbella den Hals, die Identität der „Micky Maus“ ist nach wie vor unklar, einige von Lecis anderen Freunden wurden vom Landgericht Hamburg zu teilweise zweistelligen Freiheitsstrafen verurteilt).

Die Schulfreunde aber zieht es in ein nicht ganz so kriminelles, wenn auch ebenso profitables Milieu: Sie investieren in Immobilien. In der Szene erwerben sie sich schnell einen zweifelhaften Ruf, weil sie nicht selten auf Versteigerungen beste Lagen weit über Schätzpreis kaufen. Ihr zweifelhafter Ruf dringt bis zu den Banken, ohne die das ganz große Immobiliengeschäft nicht läuft. Die Freunde brauchen einen Türöffner, einen Menschen mit gutem Leumund. Sie finden ihn im Westend.

Emanuel L. ist praktizierender Allgemeinmediziner. Geld verdient er mit Immobilienhandel. Er handelt viel. Er ist der Arzt, dem die Banken vertrauen. Eine gewisse Prominenz bekommt L., als im Sommer 2014 erboste Mieter, angeführt vom CDU-Ortsvorsteher Axel Kaufmann, vor seiner Praxis demonstrieren. Man wirft ihm vor, Altmieter aus von ihm gekauften Häusern vergrämen zu wollen, indem er diese mit osteuropäischen Wanderarbeitern überbelege. Er sei gar nicht Eigentümer des Hauses der demonstrierenden Mieter, und er kenne diesen auch nicht, sagt L. (Spoiler: Es ist Said M.) Sein Faible für Mieter aus Osteuropa erklärt er einem Team von Spiegel-TV so: „Ich bin Philanthrop.“ Aus dem Westend. Mit dem Versuch, Kaufmann, der in Dauerfehde mit Westend-Spekulanten lebt, juristisch einen Maulkorb zu verpassen, scheitert L., der die moralische Niederlage aber geschäftlich kompensieren kann.

Die Freunde holen L. mit in ihr Boot, das jetzt eine Galionsfigur hat. Zusammen mit Mustafa I. als eine Art Buchhalter und Nebosja F. als eine Art „best boy“ gründen sie ein Firmengeflecht, das so komplex ist, dass sie es selbst nicht mehr kapieren, wie sie später vor Gericht beteuern werden. Theoretischer Hauptsitz ist jedenfalls in Kriftel. Die Geschäfte blühen im Obstgarten des Vordertaunus – so prächtig, dass die Angeklagten später aus der U-Haft heraus per Zeitungsannonce einen Käufer suchen, der mehr als 300 Millionen Euro für ein schönes Rhein-Main-Immobilienpaket zahlen kann. (Spoiler: ist gefunden!) Emanuel L. aber entwickelt gegenüber Said M. zunehmend etwas, das seine Verteidiger als „eine Freundschaft mit pathologischen Zügen“ umschreiben werden, eine Art Amour fou. Alte Bekannte, denen seine neuen Freunde suspekt sind, wenden sich von ihm ab. Die Banken aber bleiben treu.

Im Rausch des Erfolgs vergessen die Unternehmer, wie sie später der Kammer versichern, die Bauabzugssteuer zu bezahlen. Und lassen Schwarzarbeiter auf ihre Baustellen. Das macht in der Branche zwar jeder, aber nicht jeder wird von der Polizei abgehört. Said M. und Savvas V. aber schon, wegen ihrer alten Bekanntschaften aus Glücksspielzeiten.

Als im Oktober 2016 die Wohnungen, Büros und Praxen der Geschäftsfreunde durchsucht werden, ist die Häme groß. Getunte Ferraris werden abgeschleppt, vor den Kameras der Lokalpresse schleppen Ermittler ein riesiges „Scarface“-Filmposter aus einer Wohnung, die Ermittler beschlagnahmen eine große Menge Akten und eine kleine Menge Kokain. Die nächsten Monate verbringen die Männer in U-Haft.

L. kommt als Erster frei. Das liege daran, sagen seine Verteidiger, dass er „proaktiv auf die Staatsanwaltschaft zugegangen“ sei. Das sehen seine ehemaligen Kompagnons ähnlich, ohne es halb gutzuheißen. Spätestens der Steuerbetrugsprozessbeginn vor dem Landgericht offenbart das Ende einer wundervollen Freundschaft. Emanuel L. und Said M. sitzen auf getrennten Bänken und wieder in verschiedenen Welten.

Hauptdarsteller: Emanuel L. präsentiert sich Angeklagter der Schwiegermütter-Herzen: höflich, geläutert, proaktiv und geschmackvoll gewandet. Und dezent. Die Theatralik überlässt er seinen Verteidigern: Als sein Anwalt plädiert, sein Mandant schwanke zwischen fahrlässig und unschuldig und werde sein Leben fürderhin nur noch damit verbringen, als Arzt der Menschheit zu dienen, falls er durch eine Verurteilung nicht seine Approbation verliere, seinen ruinierten Ruf wieder aufzubauen und ansonsten die Finger vom Bau zu lassen, verzieht er keine Miene.

Said M. spielt den Aufsteiger und Selfmade-Firmengeflechtsboss so gut, dass man die Versicherung seiner Verteidiger, er sei eher Mitgesellschafter als Boss gewesen, kaum glauben mag. Mit seinem glattrasiertem Kopf und dem massigen Körper erinnert er ein wenig an den Comic-Gangsterboss Kingpin. Auf der Anklagebank lutscht er zwecks Erfrischung gerne Bonbons, die für ihre Stärke und Schärfe berüchtigt sind – nicht ohne seinen Verteidigern zuvor auch welche anzubieten. Die greifen ebenfalls zu, denn Said M, wirkt wie ein Mann, dessen Angebote man nicht ablehnen sollte.

Savvas V. wirkt wie ein Grieche aus der Lindenstraße, einer, der guten Freunden einen guten Ouzo spendiert. Immer wieder grüßt er lächelnd Freunde und Verwandte, von denen jeden Verhandlungstag jemand im Publikum sitzt. Er ist der einzige der Angeklagten, der immer noch in Untersuchungshaft sitzt. Das liegt daran, dass er noch andere Prozesse am Laufen hat. Das Amtsgericht hat ihn wegen des Besitzes einer Menge Kokain für den gehobenen Eigenkonsum zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr verurteilt – V., der seine Freizeit, als er noch eine solche hatte, gerne in der Techno-Szene verbrachte, hatte glaubhaft dargelegt, dass man diese Musik am besten im Drogenrausch genießen können. Gegenwärtig läuft vor dem Landgericht noch ein weiterer Prozess wegen Beihilfe zum Kokainhandel in einer Menge, die auch durch Techno nicht mehr zu entschuldigen ist. Vor Kurzem hat V. dort ein Geständnis abgelegt, es erwartet ihn in dieser Sache voraussichtlich noch in diesem Jahr eine Verurteilung zu einer Freiheitsstrafe mit einer Drei vor dem Komma.

Nebendarsteller: Auch einzelne Zeugen sorgten immer wieder für Highlights. Etwa die ältere Dame, die ihrem Freund Emanuel L. einen stattlichen Kredit gewährte, wie das im Westend wohl so üblich ist: bei Kaffeekuchen per Handschlag. Und die noch heute von L. als Muster der Verlässlichkeit schwärmt: Der Doktor habe sie noch nie enttäuscht, noch habe sie das Geld nicht wiedergesehen, aber das werde sie schon noch. Oder der Verkäufer aus dem Baumarkt, in dem die Angeklagten Stammkunden waren. Der berichtet noch immer staunend, wie er einmal eine Incentive-Einladung in Said M.s Eintracht-Loge erhalten hatte. Rund um den Thron des Immobilienunternehmers hätten ziemlich viele „sehr gut gebaute Männer“ als Hofschranzen scharwenzelt. Unvergesslich auch der Auftritt eines Kokainhändlers als Zeuge im anderen Landgerichtsprozess gegen Savvas M.: Der war 2016 vom Landgericht Hamburg zu einer zweistelligen Freiheitsstrafe verurteilt worden, musste als Zeuge aber nicht vorgeführt werden, weil er bereits seit einigen im offenen Vollzug sitzt. Chapeau! Erinnerungswürdig auch die Zeugenaussage des als Immobilienunternehmers, Occupy-Aktivisten und Roma-Unterstützers bekannten Novak Petrovic, der Emanuel L. und die beiden Freunde miteinander bekanntgemacht hatte. Der erschien als geladener Zeuge mit viel zu hohen Zuckerwerten und Anwalt Marcus Steffel zu seinem Gerichtstermin, fand gerade noch die Zeit, zu bemängeln, dass seiner Überzeugung nach etliche korrupte Banker auf der Anklagebank fehlten und die Ermittlungsarbeit der Staatsanwaltschaft zu loben, bevor er angesichts seines Gesundheitszustands etwas spät von seiner Aussage befreit wurde, vor dem Gericht mit einem Zuckerschock zusammenklappte, vom Gerichtssanitäter vor Ort behandelt und mit dem Rettungswagen in eine Klinik gebracht werden musste, in der er die nächsten Wochen verbrachte.

Drehorte: In Hunderten Objekten im Rhein-Main-Gebiet ärgerten sich Mieter über verwildernde Gärten, kaputte Aufzüge und Wasserschäden, um die sich keiner kümmerte, weil die Hausbesitzer in U-Haft saßen. In den meisten Objekten hat sich dieser Zustand bislang nicht geändert. Immerhin: Nach Aussage der Verteidiger von L. ist der größte Teil des inserierten Immobilienpakets für etwas weniger als 300 Millionen Euro an einen US-Investor verkauft worden. Bis auf wenige Ausnahmen. Eine davon ist der Kettenhofweg 130, besser bekannt als ehemaliges Institut für vergleichende Irrelevanz. Das einstmals von Studenten besetzte Haus war von einer Gesellschaft unter L.s Führung gekauft und denkmalschutzwidrig entkernt worden, um es als Boarding-House weiterverkaufen zu könne. Dies sei, so die Verteidiger, mittlerweile im Besitz von Said M. Bis ins Grundbuch rumgesprochen hat sich diese Neuigkeit bislang aber noch nicht.

Musik: Im Label Cocoon Recordings des Frankfurter Techno-Pioniers Sven Väth hat der Musiker „Einzelkind“ die EP „Free Savioni“ veröffentlicht. „Savioni“ ist der Spitzname von Savvas V. in der Techno-Szene.

Kritiken: Emanuel L: drei Jahre sechs Monate; Said M.: fünf Jahre, vier Monate; Savvas V.: zwei Jahre, neun Monate; Nebosja S.: vier Jahre; Mustafa I.: drei Jahre (laut Plädoyers der Staatsanwaltschaft).

Fortsetzungen: Eine Neuverfilmung aufgrund Revision gilt wie bei jedem Wirtschaftsprozess als nicht unwahrscheinlich. Im kommenden Jahr soll es zudem einen Prozess wegen Geldwäsche geben. Bei der Besetzungsliste halten sich die Verantwortlichen noch bedeckt, es soll aber gerüchteweise ein Wiedersehen mit alten Bekannten aus diesem Prozess geben. Es handelt sich im Grunde um dieselbe Geschichte, aus einem anderen Blickwinkel erzählt. Aber dafür ist die Geschichte ja auch gut genug.

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