+
Ort diffuser Angst: Manche Menschen meiden das Bahnhofsviertel in Frankfurt - besonders am Abend.

Kriminalität in Frankfurt

Frankfurts Orte einer diffusen Angst

Die Zahl der Straftaten in Hessen ist auf dem niedrigsten Stand seit 1980. Dennoch fühlen sich viele Menschen an manchen Orten unsicher. Die innere Sicherheit ist ein Wahlkampfthema in Hessen.

Es ist 22 Uhr, und in der B-Ebene unter dem Frankfurter Hauptbahnhof scheint jeder Schritt besonders laut zu hallen. In einigen Ecken haben Obdachlose bereits ihren Schlafplatz gefunden. Ein junger Mann sitzt mit leerem Blick und Crackpfeife auf einem der Treppenaufgänge, auf denen sich der Geruch nach Urin und scharfen Reinigungsmitteln zu vermischen scheinen. „Wenn möglich, gehe ich abends hier nicht mehr lang“, sagt Gudrun F., eine 48 Jahre alte Frankfurterin, die ihren Nachnamen nicht nennen will. Die durch die Unterführung eilende Frau umklammert ihre Handtasche fester, als sie Schritte näher kommen hört. Dann der Moment der Erleichterung: Zwei Polizisten auf Fußstreife sind ebenfalls in der B-Ebene unterwegs.

Die B-Ebene, die Gegend um den Frankfurter Hauptbahnhof - das sind besonders für Frauen und ältere Menschen häufig Angstorte, ebenso wie ein nächtliches unübersichtliches Parkhaus oder eine dunkle Unterführung. Die Drogenszene im Frankfurter Bahnhofsviertel sorgt selbst im Rotlichtmilieu für Verunsicherung und geschäftliche Probleme. Eine Table-Dance-Bar etwa bietet ihren Gästen einen Limousinen-Service an, der sie direkt zu dem von kräftigen Türstehern bewachten Eingang fährt - so müssten sie nicht vorbei an den Drogenabhängigen auf den Bürgersteigen. „Die Stadt macht nichts, die Polizei macht nichts Wirksames“, sagt Betriebsleiter Norman Weber. 

Kriminalität auf niedrigstem Stand seit 1980

Im hessischen Wahlkampf wollen die Parteien auch zeigen, dass sie auf die Ängste der Bürger hören. Innere Sicherheit ist ein Thema, egal ob es um einen starken Staat geht oder um Ansätze, sich um diejenigen zu kümmern, die vielleicht ein Problem sein könnten.

Zumindest die Zahlen der Polizeilichen Kriminalstatistik klingen ermutigend: Die Kriminalität in Hessen ist im vergangenen Jahr auf den niedrigsten Stand seit 1980 gefallen. Landesweit wurden 375. 632 Kriminalfälle erfasst - ein Rückgang von fast neun Prozent im Vergleich zum Jahr zuvor, als 412.104 Kriminalfälle gezählt wurden. Zugleich wurde die höchste Aufklärungsquote seit Bestehen der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) im Jahr 1971 verzeichnet:  62,8 Prozent der Straftaten wurden 2017 aufgeklärt. Die Zahl der Wohnungseinbruchsdiebstähle, die nach Erfahrung der Ermittler bei vielen Betroffenen auch bei relativ geringem Schaden ein Gefühl großer Verunsicherung zurücklassen, ging im Jahresvergleich um mehr als 20 Prozent zurück. 

Fast 90 Prozent fühlen sich sicher

Doch wie sieht es mit dem Sicherheitsgefühl der Menschen aus? Die Stiftung Lebendige Stadt" hat im Frühjahr eine Forsa-Umfrage vorgestellt, wonach sich zwar 87 Prozent der Bundesbürger im öffentlichen Raum sicher fühlen, doch 45 Prozent der mehr als tausend befragten mehr Sicherheit wünschten. Vor allem höhere Polizeipräsenz und mehr Videoüberwachung im öffentlichen Raum wurden als gewünschte Maßnahmen zur Verbesserung des eigenen Sicherheitsempfindens genannt. In kleineren Städten fühlten sich die Befragten sicherer als in den Großstädten. Einzelzahlen zu hessischen Städten und Gemeinden wurden nicht genannt.

Präventionskampagnen gerade für diejenigen, die aufgrund körperlicher Schwäche oder vermeintlicher Gutgläubigkeit besonders häufig ins Visier von Kriminellen geraten, sind ein wichtiger Baustein zur Verbesserung des Sicherheitsgefühls aber auch zur Verhinderung von Straftaten. Mit dem „Enkel-Trick“ oder als „falscher Polizist“ versuchen Betrüger immer wieder, ältere Menschen um Bargeld und Wertsachen zu bringen. In allen sieben hessischen Polizeipräsidien gibt es daher Sicherheitsberater für Senioren und spezielle Veranstaltungen auch mit den kommunalen Präventionsräten, damit die Menschen gar nicht erst zum Opfer von Straftaten werden.

Nicht nur hessen- sondern bisher auch bundesweit einmalig ist eine Präventions-App, die beim Polizeipräsidium Südosthessen in Offenbach entwickelt wurde. Die App informiert etwa mit Push-Nachrichten regional, wenn falsche Polizisten unterwegs sind", erläutert Markus Wortmann, der das Projekt betreut. Es gebe aber auch Informationen über Beratungsangebote. Seit Februar ist die App zugänglich. „Wir haben einen sehr guten Zulauf und gute Rückmeldungen“, sagt Wortmann zum Interesse. Derzeit läuft eine erste Auswertung des Projekts.

Angst vor Terror und Extremismus

Eine ebenfalls deutschlandweite Studie der R+V Versicherung aus dem vergangenen Jahr zu den  „Ängsten der Deutschen“ listete die Angst vor Terroranschlägen, Extremismus oder Zuwanderung als die größten Sorgen der mehr als 2400 Befragten auf. Rechtspopulistische Parteien greifen gerade diese Ängste auf, wie etwa die Reaktionen auf den gewaltsamen Tod der 14 Jahre alten Susanna in diesem Sommer zeigten.

Das Rhein-Main-Zentrum, aber auch Nordhessen gelten als einer der Schwerpunkte der salafistischen Szene in Deutschland. Wiederholt kam es in den vergangenen Jahren zu Durchsuchungen und Ermittlungen, an Frankfurter Gerichten laufen mehrere Verfahren gegen mutmaßliche Islamisten und IS-Anhänger.

Manche reagieren schon mit Misstrauen oder diffusen Ängsten auf Menschen, die sie wegen ihres Aussehens für Muslime halten - und viele Muslime, ob Geflüchtete oder hier geborene Menschen mit deutschem Pass, bekommen die Konsequenzen zu spüren. Das Spektrum reicht vom Anstarren bis zu Beleidigungen oder sogar Attacken. 

Muslime werden angegriffen

Das hat wiederum Auswirkung auf das Sicherheitsgefühl der Betroffenen. „Es gibt da eine sehr angespannte Grundstimmung in der Gesellschaft“, sagt Roman Jeltsch von der Beratungsstelle „response“ für Betroffene rassistischer Gewalt bei der Anne Frank-Bildungsstätte in Frankfurt. „Wir hören immer wieder von Frauen, die in der Öffentlichkeit angefeindet werden, weil sie das Kopftuch tragen.“

Die Bandbreite reiche von Beleidigungen bis zu körperlichen Angriffen. „Es gab in Hessen schon Vorfälle, wo Menschen mit Messern angegriffen wurden oder Kopftücher runtergerissen wurden.“ Die diffuse Furcht, die manche im nächtlichen Parkhaus oder der schlecht beleuchteten Unterführung spüren, begleite die betroffenen Frauen dann auch beim Einkauf mit dem Kinderwagen, so Jeltsch: „Viele sind verunsichert und haben das Gefühl, das kann jederzeit wieder passieren.“ (dpa) 

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare