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Einfach drauflos bauen, geht nicht. Das Denkmalamt ermittelt wegen des geschützten IVl.

Frankfurt

Der Doktor, die Jugendfreunde und das ganz große Geld

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Der anstehende Prozess dürfte auch ein Schlaglicht auf die bizarren Zustände im lokalen Immobilienhandel werfen.

Als im Oktober 2016 die Fahnder zuschlugen, konnten sich nicht bloß einige Westend-Bewohner einer gewissen Häme nicht erwehren. Das lag nicht nur an den schönen Exponaten, die Fahnder aus den Wohn- und Geschäftsräumen und Garagen der Beschuldigten schleppten: Luxusautos, Gemälde und zur Freude der Pressefotografen ein riesiges, gerahmtes Filmposter, das Al Pacino in seiner Rolle als Gangsterboss „Scarface“ zeigt. Das alles passte irgendwie wie die Faust aufs Auge.

Und es gab und gibt so manche Mieter, nicht nur im noblen Frankfurter Westend, die auf den Arzt und Spekulanten, der sich neben anderen im kommenden Jahr vor dem Landgericht verantworten muss, nicht gut zu sprechen sind. Im Sommer 2004 hatten Hausbewohner, die sich von dem Arzt aus ihren Wohnungen gedrängt fühlten, angeführt von Ortsbeiratsvorsteher Axel Kaufmann (CDU) vor der Praxis demonstriert; unter anderem Spiegel TV berichtete über die Demo.

Der ansonsten nicht groß auf Öffentlichkeit erpichte Arzt gab daraufhin das Statement ab, dass die Belegung der Häuser mit osteuropäischen Zuwanderern keineswegs der Vertreibung der Altmieter diene, sondern dass er vielmehr in seiner Eigenschaft als Philanthrop auch gerne Menschen eine Chance böte, die sonst wenig Chancen auf dem Wohnungsmarkt hätten. Im übrigen gehörten ihm die umstrittenen Häuser auch gar nicht, sondern ganz anderen Leuten, mit denen er nichts zu schaffen habe. Dummerweise handelte es sich bei diesen Leuten um eben jene, die im kommenden Jahr gemeinsam mit dem Doktor wegen des Vorwurfs des Steuerbetrugs die Anklagebank des Landgerichts drücken müssen.

Wenn man sich mit dem Firmengeflecht der Angeklagten beschäftigt, verliert man schnell den Überblick. Eine Vielzahl von Unternehmen, die meisten davon mit Sitz in Kriftel, machen dort untereinander so lange Geschäfte, bis man vollends den Überblick verliert, wer jetzt gerade was gekauft und wie viel dabei verdient hat. Die Namen der Geschäftsführer der einzelnen Unternehmen wechseln ständig, es sind aber fast immer dieselben Namen. Und um den Verdienst der Akteure muss man sich vermutlich keine großen Sorgen machen.

Händchen für einen guten Schnapp

Zumindest der Arzt hatte auch in jüngster Vergangenheit immer wieder gezeigt, dass er ein Händchen für einen guten Schnapp hat. So kaufte etwa im Jahr 2012 die Immobiliengesellschaft Franconofurt das von Studenten besetzte „Institut für vergleichende Irrelevanz“ im Kettenhofweg für eine Million Euro. Nach der Zwangsräumung durch die Polizei und der damit verbundenen Wertsteigerung verkaufte die Franconofurt nach den damaligen Worten ihres Geschäftsführers Christian Wolf zu doppelten Preis „an einen Privatmann, der sozusagen Häuser sammelt“, weiter. Was juristisch vielleicht nicht ganz korrekt ist, denn verkauft wurde das Haus an eine Gesellschaft, deren Geschäftsführer und Mitgesellschafter ebenjener Privatmann – der spekulierende Doktor – war.

Mittlerweile hat der Besitzer erneut gewechselt, aktuell liegt der Verkaufspreis des „IvI“, das seit der Zwangsräumung ungenutzt vor sich hin gammelt, bei knapp drei Millionen Euro.

Noch weit atemberaubender ist die Gewinnspanne bei der ehemaligen Zentrale der städtischen Wohnungsbaugesellschaft ABG. Auch diese war von einer Gesellschaft aus dem Dunstkreis des Doktors 2014 für 5,6 Millionen Euro gekauft worden. Schon ein Jahr später verkaufte diese Gesellschaft das einstmals städtische Gebäude für 9,75 Millionen Euro weiter.

Interessantes Detail: Die neuen Eigentümer hatten zur Finanzierung einen Bankenkredit über das Doppelte der Kaufsumme erhalten, was normalerweise ein Anzeichen für eine geplante Sanierung ist. Aber bis heute steht das Haus in der Elbestraße leer: unsaniert, ungenutzt, aber offenbar unaufhaltsam immer teurer werdend.

Auch die beiden Geschäftspartner des Doktors, die Jugendfreunde, die ihr erstes Geld mit dem Betreiben von Sportwettstätten verdient hatten, drehten als Immobilienkäufer munter mit an der beachtlichen Frankfurter Mietpreisspirale. Das bislang letzte Geschäft der beiden war der Kauf eines Wohn- und Geschäftshauses mit integriertem Bordell in der Ostzeil. Der Schätzwert des Gebäudes betrug 4,7 Millionen Euro – die Käufer boten einen Preis, der knapp drei Millionen Euro darüber lag. Der Abschluss des Deals scheiterte dann aber an der Inhaftierung der Käufer.

Wie es den Betreibern des Firmengeflechts gelingen konnte, binnen weniger Jahre ein Immobiliencluster zu erwerben, das sie für 320 Millionen Euro per Zeitungsannonce verkaufen wollten, das bleibt der Phantasie des Betrachters überlassen. Bislang jedenfalls haben die Geldwäsche-Ermittlungen der Staatsanwaltschaft zu keiner Anklage in dieser Hinsicht geführt. Dass es sich bei einem engen Geschäftspartner der beiden Jugendfreunde um einen verurteilten und mittlerweile verstorbenen Drogendealer mit vermutlich mehr als nur guten Kontakten zur albanischen Mafia handelt, ist den Ermittlern bekannt. Eine beweisbare Verbindung zwischen den Immobiliengeschäften und eventuellem Drogengeld gibt es bislang nicht.

Äußerst aktiv sind nach wie vor die Anwälte des Doktors, die bereits im Nachgang der Demo 2014 nicht nur gegen berichterstattende Medien, sondern auch gegen Chef-Demonstrierer Kaufmann vorgingen, dem sie Hausfriedensbruch, üble Nachrede und Verleumdung vorwarfen. Die Staatsanwaltschaft stellte diese Ermittlungen zügig ein – sämtliche Behauptungen Kaufmanns über die Geschäftspraktiken des Doktors hätten Hand und Fuß. Eine Anfrage von Kaufmanns Ortsbeirat, der Frankfurter Magistrat möge sich doch einmal näher mit den Vorgängen bei den Geschäften mit IvI und Elbestraße kümmern, hängt derzeit noch irgendwo in der politischen Pipeline.

Denkmalamt ermittelt

Zudem ermittelt auch das Denkmalamt, weil das Unternehmen, das das denkmalgeschützte IvI damals von der Franconofurt gekauft hatte, es unerlaubt hatte entkernen lassen, um günstige Voraussetzungen für ein Boarding-House oder Ähnliches zu schaffen. Die Ermittlungen in diesem Fall gehen wohl eher schleppend voran. „Der Vorgang befindet sich noch in Prüfung, daher können wir zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch keine Informationen geben“, heißt es vom Denkmalamt.

Die juristische Seite des Falles wird demnächst das Landgericht beschäftigen – die Anklageschrift wird voraussichtlich knapp 250 Seiten dick sein. Die praktische Seite beschäftigt jetzt bereits viele Mieter, die in Häusern leben, die Gesellschaften der Beschuldigten gehören. In Frankfurt, aber auch in Offenbach oder etwa in Wiesbaden, klagen Bewohner über zunehmende Verwahrlosung. Aufzüge werden nicht mehr repariert, bereits gezahlte Nebenkosten nicht weitergeleitet, und die offiziellen Ansprechpartner, die bereits zuvor äußerst schwer zu erreichen gewesen wären, seien in den vergangenen völlig von der Bildfläche verschwunden. Kein Wunder: Die meisten saßen in U-Haft.

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