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Die Attacke ereignete sich auf dem zentralen Luisenplatz in Darmstadt.

Darmstadt

Blutige Attacke auf dem Luisenplatz

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Das Landgericht Darmstadt hat einen Messerstecher wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung zu einer fünfeinhalbjährigen Haftstrafe verurteilt.

Grinsend betrat der bärtige Angeklagte am Dienstagmorgen den Gerichtssaal 3 im Landgericht Darmstadt, schluchzend und weinend verließ der 29-Jährige den Saal nach zwei Stunden wieder als verurteilter Mann. Wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung hat die elfte Strafkammer des Landgerichts Darmstadt einen aus dem Irak stammenden Kurden zu einer fünfeinhalbjährigen Haftstrafe verurteilt. Damit blieb die Kammer unter dem Vorsitz von Richter Volker Wagner unter dem von Staatsanwältin Cyd Hergenröder beantragten Strafmaß von sieben Jahren.

Rechtsanwalt Isam Osman schloss sich als Vertreter der Nebenklage den Ausführungen der Staatsanwältin an und stellte keinen Strafantrag. Er überlasse es dem Ermessen des Gerichts, den Mann zu verurteilen, sagte er. Verteidigerin Tabea Späth plädierte hingegen auf Freispruch.

Die Beweisaufnahme ergab, dass sich der Angeklagte am späten Abend des 29. September vorigen Jahres gemeinsam mit drei weiteren Männern auf dem Luisenplatz am Denkmal zu Ehren des ersten Darmstädter Großherzogs Ludewig I. aufgehalten hatte. Dort traf er dann auf den Geschädigten, einen syrischen Flüchtling, und dessen Lebensgefährtin. Das Trio konsumierte gemeinsam Alkohol und hörte Musik.

Richter Wagner sprach in seiner Urteilsbegründung davon, dass der von den Männern konsumierte Alkohol – beim Angeklagten war ein Blutalkoholgehalt von mehr als zwei Promille festgestellt worden – enthemmend gewirkt habe. Möglicherweise hätten die beiden Afghanen und zwei Kurden auf diese Weise versucht, ihre Alltagssorgen zu betäuben. Wagner äußerte, es spreche „alles dafür, dass der Angeklagte der Täter ist“. Für die Kammer sei nach der Anhörung mehrerer Zeugen „unzweifelhaft“ klar, dass der Mann den ihm nicht bekannten Syrer mit einem Klappmesser niedergestochen habe. Mediziner hatten dem Gericht berichtet, dass die Stiche den Geschädigten unterhalb des Halses und im Bereich des Herzens trafen. Das Leben des Mannes konnte nur durch eine Notoperation und mit Hilfe von etlichen Blutkonserven gerettet werden.

Anzeige gegen „Stecher-Marco“

Die Suche nach der Wahrheit gestaltete sich während der vier Verhandlungstage für die Kammer als schwierig. Unklar blieb etwa, ob der Messerstecher und das Opfer zuvor in Streit gerieten. Der Syrer hatte zu Prozessbeginn ausgesagt, seinen Angreifer nicht gekannt zu haben. Ein Zeuge, der wegen diverser Gewaltdelikte selbst mit der Eigenbezeichnung „Stecher-Marco“ kokettierte, brüstete sich später in einer Justizvollzugseinrichtung damit, vor Gericht gelogen zu haben, um den Angeklagten nicht zu belasten. Eine Sozialarbeiterin des Gefängnisses zeigte den Zeugen daraufhin an und sagte zu Ungunsten des Angeklagten aus.

Belastet wurde der 29-Jährige auch durch gerichtsmedizinische Untersuchungen. So wurden an dem von ihm weggeworfenen Messer zum einen Blutspuren des Opfers sowie – am Griff – seine DNA nachgewiesen. Der Mann sagte aus, dass er das Messer weggeworfen habe, gab die Tat aber nicht zu. Sein teilweises Schweigen habe sich bei der Strafzumessung zu seinem Nachteil ausgewirkt, sagte Richter Wagner. Er habe offenbar die Tat „sich selbst nicht eingestehen wollen“.

Zum Abschluss seiner Ausführungen wurde der Richter sogar noch politisch. Die Tat sei „Wasser auf die Mühlen derer, die in jedem Flüchtling einen solchen Täter sehen“. „Weshalb haben sie die Leute, die hier Hilfe suchen, verraten?“, fragte Wagner ohne eine Antwort von dem schluchzenden Mann zu bekommen.

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