Amtsgericht Frankfurt

Die Ballade vom Zuchthaus zu Schwalmstadt

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Ein Strafgefangener verliert den Verlobten, schreibt einen Brief der Verzweiflung und landet schließlich vor dem Amtsgericht Frankfurt.

Diese Geschichte handelt von der Macht der Liebe. Und der Macht des geschriebenen Wortes. Darum ist es eine sehr kurze Geschichte.

Es ist auch ein sehr kurzer Amtsgerichtsprozess, an dessen Ende am Freitagmittag der 28 Jahre alte Marcel H. wegen versuchter Nötigung zu 90 Tagessätzen à fünf Euro verurteilt wird. Er hatte im Dezember 2017 dem Leiter des Gefängnisses in Preungesheim, von dem er kurz zuvor in das Gefängnis in Schwalmstadt verlegt worden war, einen Brief geschrieben.

In Preungesheim schmachtete zu jener Zeit auch Marcel H.s Verlobter, und so groß war der Trennungsschmerz nach der Verlegung, dass H. dem Preungesheimer Gefängnisdirektor per Brief drohte, er werde sich im Fall eines andauernden Liebenden-Splittings an die Presse wenden. Und dort zwei Artikel veröffentlichen. Der erste sollte den sperrigen Titel „Gleichgeschlechtliches Liebespaar durch Nationalsozialisten im Strafvollzug erst diskriminiert und anschließend auseinandergerissen“ tragen. Der zweite, etwas griffiger: „Nazis herrschen im Vollzug“. Beide wurden nie veröffentlicht.

Marcel H. ist, das kann man ahnen, ein Mann des Wortes. Mit Anzug, Paisley-Weste und etwas ramponierten roten Schuhen, das schütter werdende lange Haar zum Pferdeschwanz gebändigt, erinnert er optisch an eine Halloween-Version von Oscar Wilde. Die Umgangsformen aber hat er sich eher von Charles Bukowski abgeguckt. Bereits mehrfach ist er mit dem Gesetz in Konflikt geraten, wegen räuberischer Erpressung, schwerer Körperverletzung und Drogengeschichten. Derzeit brummt er eine Freiheitsstrafe von fünf Jahren und fünf Monaten ab, weil ein Gutachter vor dem Landgericht Wiesbaden der Auffassung war, der nach eigenen Angaben am Asperger-Syndrom leidende H. sei voll schuldfähig. Andererseits stand Marcel H. auch schon wegen versuchter Nötigung vor dem Kadi – und wurde anschließend in die Psychiatrie eingewiesen.

Marcel H. wird an diesem Tag per Einzeltransport von Schwalmstadt nach Frankfurt gebracht, eskortiert von drei bulligen Sicherheitsmännern und in Handschellen. Nach Schwalmstadt war er damals verlegt worden, weil er im Preungesheimer Freizeitraum randaliert, einem Schließer mit einem biegsamen Alumesser in die Seite gepiekst und einem anderen in den Arm zu beißen versucht hatte. In Schwalmstadt wurden dann andere Saiten aufgezogen. „Mein Mandant verbrachte fünf Monate in Einzelhaft im Bunker“, erklärt sein Verteidiger. „Mehrere Tage davon in Fesseln“, ergänzt Marcel H.

Und also habe er, gewissermaßen de profundis, den Brief an den Knastdirektor geschrieben. H. bereut nichts. „Ich würde es genau so wieder schreiben!“ Weil es wahr sei. Denn die Art, „wie im hessischen Strafvollzug mit Menschen umgegangen wird, die nicht der totalen Norm entsprechen, gehört nicht ins 21., sondern ins 19. Jahrhundert“!

„Ich bin kein einfacher Mensch“, gesteht der Angeklagte. Sein Verteidiger nickt zustimmend. „Ich habe seit meinem 16. Lebensjahr 19 Anwälte zerschlissen“, sagt Marcel H., der zu Beginn des Prozesses die Frage nach seinem Beruf stolz mit „Strafgefangener“ beantwortet hatte. Aber was wahr sei, müsse wahr bleiben, und ein großer Teil der hessischen Schließer rekrutiere sich seiner Erfahrung nach aus „Menschen, die offen zugäben, AfD oder NPD zu wählen“. Das werde man ja wohl noch sagen dürfen. Und auch schreiben.

Erfreulich, dass immerhin die Staatsanwaltschaft allein die Drohung mit einem Presseartikel als ein zur Nötigung nötiges „empfindliches Übel“ wertschätzt. Unerfreulich, dass die Liebe zwischen Marcel H. und seinem ehemaligen Verlobten kurz darauf erlosch. Verschmachtet im Bunker zu Schwalmstadt. „Das werde ich den Frankfurter Herrschaften niemals verzeihen“, verspricht der wortgewaltige Marcel H.

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