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Nur ein freundlicher Fingerzeig?

Amtsgericht Frankfurt

AMG-Fahrer beleidigt Zivilbeamten - 3000 Euro Strafe

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Der Fahrer eines AMG-Mercedes legt sich ausgerechnet mit einem Zivilpolizisten an und muss mehrere tausend Euro zahlen.

Glaubt man der Anklage, dann zählt Herr A. zu der Bevölkerungsgruppe, die laut Bibel selig ist, weil ihr dereinst das Himmelreich gehören werde. Aber weil ihnen niemand das Matthäus-Evangelium vorgelesen hat, glauben viele dieser Leute, ihnen gehöre die Straße, und das schon auf Erden.

Und wahrlich, so steht es in der Anklage geschrieben: Am 6. April 2018 fährt Herr A. mit seinem nachtschwarzen AMG-Mercedes die Eschersheimer Landstraße entlang. Er fährt wie der Teufel: zu schnell, zu dicht auf, er wechselt die Spuren und drängelt sich überall hinein, wo er eine Lücke vermutet. Zwischen dem Auto von Herrn S. und einem Bus wähnt er solch eine Lücke, aber er irrt, Herr S. kann nicht rechtzeitig bremsen und fährt auf. An seinem Mercedes – kein AMG – entsteht laut Amtsanwaltschaft ein Schaden „von ungefähr 2165,28 Euro“, aber auch der Lack von Herrn A.s Boliden hat ein paar Kratzer.

Herr A. steigt aus. Und also spricht der Herr A. zu Herrn S.: „Komm raus, du Arschloch, ich schlag dir auf die Fresse.“ Herr S. aber kommt nicht raus. Stattdessen zeigt der Polizist Herrn A. seinen Dienstausweis und kündigt an, die Kollegen zu rufen. „Dann ruf die Polizei, du Arschloch, wir treffen uns da drüben!“, sagt Herr A. und deutet auf die andere Seite der Kreuzung. Doch das Treffen fällt aus: A. steigt in seinen AMG, gibt Gas und ward nimmer gesehen, weshalb er nun wegen Gefährdung des Straßenverkehrs, Beleidigung und Unfallflucht vor dem Amtsgericht steht.

„Stinkefinger“ oder freundlicher Fingerzeig?

Zu Unrecht, sagt der 24 Jahre alte Immobilienkaufmann. Hier sei die Wahrheit: Er habe es an jenem Tag eilig gehabt, denn zu Hause hätten Weib und Kind seiner geharrt. Er habe aber niemanden bedrängt, stattdessen sei Herr S. viel zu dicht auf- und schließlich in ihn hineingefahren. Er habe daraufhin in aller Höflichkeit vorgeschlagen, die Fahrbahn zu räumen und auf der anderen Seite der Kreuzung Freundlichkeiten und Versicherungsdaten auszutauschen. Dann aber habe Herr S. Unfallflucht begangen. Ihm sei das aber egal gewesen, es seien ja nur Lackschäden, Hauptsache gesund.

Herr A.s Verteidiger tut ähnlich Zeugnis kund: Was Herr S. als „Stinkefinger“ missinterpretiert habe, sei in Wahrheit ein freundlicher Fingerzeig seines Mandanten gewesen, ihn doch bitte vorzulassen, wie sich das gehöre. Stattdessen aber habe sich Herr S. zu einer „erzieherischen Maßnahme“ von ungeheurer Frechheit entschlossen: Er habe Herrn A. offensichtlich dazu zwingen wollen, „sich in der Schlange einzureihen und zu warten, so wie alle anderen auch“. Dies aber widerspreche der Straßenverkehrsphilosophie und der „sportlichen Fahrweise“ seines Mandanten.

Ein A-Wort sei gefallen, gibt der Verteidiger zu. Aber nicht „Arschloch“, sondern „Anfänger“. Dabei „titulierte ihn mein Mandant in der Du-Form“, was gewiss „nicht gentlemanlike“ gewesen sei. Aber er habe ja auch nicht ahnen können, dass sein Unfallgegner Polizist sei und ein nettes „Du“ als Beleidigung auffasse.

Nun steht Aussage gegen Aussage. So richtig beweisbar sieht das Amtsgericht die Unfallflucht nicht, hier könnte auch ein Missverständnis vorliegen. Und auch der gefährliche Eingriff in den Straßenverkehr bleibe strittig. Unzweifelhaft hingegen die Beleidigung, die sich irgendwo zwischen „Du“ und „Arschloch“ bewege und auch kein richtiges Verbrechen sei.

Nach mehr als dreistündiger Verhandlung – geplant war eine Stunde – wird das Verfahren wegen geringer Schwere der Schuld eingestellt. Allerdings gegen eine Auflage: Herr A. muss 3000 Euro an den Kinderschutzbund zahlen. Der AMG-Fahrer nimmt diese Auflage so, wie er gerne fährt: sportlich.

„Frankfurt ist kein Ponyhof“, sagt Herr S., aber einen solchen Schweinepriester am Steuer habe er selbst in dieser Stadt noch nie erlebt. Auf seinen Mittelklasse-Mercedes habe er jahrelang gespart, die Beule im Blech habe ihm wehgetan. Die Beule in der Seele aber werde bleiben. 

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