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Das Gerichtszentrum Frankfurt.

Prozess in Frankfurt

Abfalltüte beschäftigt Überfallkommando und Amtsgericht

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Ein Frankfurter soll seine Mülltüte auf dem Fenstersims seines Nachbarn entsorgt haben. Anschließend soll der 48-Jährige mit einem Messer auf ihn losgegangen sein. Jetzt steht er vor Gericht.

Einmal mehr sind es zwei Versionen einer Geschichte, die am Mittwoch vor dem Amtsgericht erzählt werden. Die der Anklage geht so: Am 31. Oktober 2016 verklappt der 48 Jahre alte Mohammed G. seine Mülltüte auf dem Fenstersims des 62 Jahre alten Estefanos M., seinem Nachbarn. Dieser ist mit dieser Art der Entsorgung nicht einverstanden und legt Protest bei G. ein, der zwar keine Schuldeinsicht, aber ein Küchenmesser hat, mit dem er auf M. losgeht. Der packt das Messer an der Klinge und zerschneidet sich die Finger,

Nachbarn laufen auf den Flur und beenden das Scharmützel. Kurz darauf rückt das Überfallkommando samt Diensthund an, von dem ob G.s massiver Gegenwehr auch reichlich Gebrauch gemacht wird. Die Staatsanwaltschaft nennt das gefährliche und lebensbedrohende Körperverletzung und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte. Diese Version, Estefanos M. unterstützt sie.

Die von Mohammed G. geht so: Eines unschönen Tages, er ist gerade beim Zwiebelschneiden, klingelt es an seiner Wohnungstür. Sein Nachbar steht davor, geht grußlos mit einem als Türstopper gedachten Stein auf ihn los, beschimpft und bespuckt ihn. Er wehrt sich, so gut er kann, das Zwiebelmesser noch in der Hand. Als die anderen Nachbarn kommen, greift M. in Selbstverstümmelungsabsicht in die Messerklinge und geht weg. Das ist ja wieder einer dieser Tage, denkt sich G. und geht zurück ans Zwiebelschneiden, aber es kommt schlimmer: Es klingelt wieder, diesmal steht das Überfallkommando vor der Tür, das sofort auf ihn eindrischt, während der Hund sein linkes Bein zerfleischt. Er habe auch keinem Müll auf das Fensterbrett geworfen, beteuert G.

Prozess in Frankfurt: Angeklagter zu Geldstrafe verurteilt

Die Wahrheit liegt vermutlich wie so oft in der Mitte. Ganz so wild sei G.s Widerstand gar nicht gewesen, geben sich die Mitglieder des damaligen Überfallkommandos im Zeugenstand altersmilde. Und Estefanos M. sagt, so richtig auf ihn losgegangen sei G. mit dem Messer gar nicht, er habe es eher zur Prophylaxe festgehalten. Strafanzeige hat er nie gestellt, und mittlerweile ist er auch ausgezogen. Am Ende wird G. wegen fahrlässiger Körperverletzung und Bedrohung zu einer Geldstrafe von 150 Tagessätzen à zwölf Euro verurteilt, das Zwiebelmesser wird eingezogen. Es hätte schlimmer kommen können.

Der wahre Schuldige ist vermutlich ohnehin die babylonische Sprachverwirrung. Er lebe seit mehr als 20 Jahren in dem Mehrfamilienhaus im Gallus, sagt der in Afghanistan geborene G., aber so etwas habe er noch nie erlebt. Er lebe seit 38 Jahren in Deutschland, sagt der in Eritrea geborene M. aber so etwas habe er noch nie erlebt. Beide verstehen einander nicht, und darum, lassen die beiden dem Richter über ihre Dolmetscher ausrichten, hätten sie sich beim Streit auf Deutsch geeinigt. Das Problem ist allerdings, dass beide kein Deutsch beherrschen – nicht einmal rudimentär.

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