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Blackscheißer Schlachtsbank

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Von: Stefan Behr

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Der Frankfurter Übersetzer Reinhard Kaiser hat den Simplicissimus übersetzt - in verständliches Deutsch.
Der Frankfurter Übersetzer Reinhard Kaiser hat den Simplicissimus übersetzt - in verständliches Deutsch. © FR/Arnold

Das muss wohl Liebe sein. Reinhard Kaiser hat in den vergangenen Wochen gelitten und gejauchzt. Er hat sogar getötet. Der Frankfurter hat den Simplicissimus ins Lesbare übersetzt. Von Stefan Behr

Das muss wohl Liebe sein. Reinhard Kaiser hat in den vergangenen Wochen gelitten und gejauchzt. Er hat sogar getötet. Nicht weil er wollte, sondern weil er musste. Aber er hat auch etwas erschaffen.

Oder, um es anders und etwas prosaischer zu sagen: Reinhard Kaiser hat den Simplicissimus ins Lesbare übersetzt, jenen grandiosen Wälzer, den der Gelnhäuser Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen im 17. Jahrhundert geschrieben hat und die das abenteuerliche Leben des Melchior Sternfels von Fuchshaim - übrigens ein Anagramm des Christoffel von Grimmelshausen - in den Wirren des 30-jährigen Krieges beschreibt.

Vor etwa drei Jahren, erinnert sich Kaiser in seiner Seckbacher Wohnung, habe der HR-Literaturredakteur Heiner Boehncke jenen folgenschweren, nichtsdestotrotz goldrichtigen Satz zu ihm gesagt: "Hör mal, den Grimmelshausen, den kann man nicht mehr lesen." Also machte sich Kaiser, Jahrgang 1950 und seit 1975 Übersetzer und Lektor, an die Arbeit. Und übersetzte.

Diesmal nicht vom Englischen oder Französischen ins Deutsche, sondern vom Alten ins Neue. Das Ergebnis, verlegt bei Eichborn, liegt jetzt vor und verkauft sich wie geschnitten Brot. Kaiser ist plötzlich ein äußerst gefragter und beliebter Mann, selbst die Grimmelshausen-Gesellschaft ist von seinem Schaffen angetan.

So hat´s nicht kommen müssen. "Rangeschlichen" habe er sich anfangs an das "hochriskante Projekt", anderthalb Jahre hat er geackert, und ist mehr und mehr warm geworden mit dem Werk, das er zweifelsfrei zu "den zehn besten deutschen Romanen" zählt. Der Simplicissimus sei "witzig, ohne frivol zu sein", ein "hochintelligentes und unglaublich witziges Buch", das "eine Welt, die sich in Blut und Wahnsinn verfangen hat", auf das Trefflichste entheddere. Wenn er davon erzählt, fängt er fast an zu leuchten. Wie das Liebende eben so tun.

Wobei es nicht bloß eitel Freude war, wenn er das Objekt seiner Begierde auf dem langen Schreibtisch , dem man ansieht, dass er ordentlich bearbeitet wird, in der Mangel hatte. "Als Übersetzer muss man immer etwas kaputtmachen - das ist die Aufgabe des Übersetzers. Natürlich tut mir das weh. Nehmen Sie ein Wort wie Blackscheißerei - ich habe das mit Tintenkleckserei übersetzt." Da wirkt er fast ein wenig unglücklich. Blackscheißer, das waren für Grimmelshausen die Schreiber. Schöner kann man´s nicht beschreiben. Aber es half nichts. Der Blackscheißer musste der Lesbarkeit wegen das Zeitliche segnen. Da wird der Schreibtisch zur Schlachtbank.

Leid tat´s ihm denn auch um den Begriff "in der Fehlhalde wohnen" - eine hübsche Umschreibung für jemanden, der sich im Irrtum befindet. Nicht umsonst habe Thomas Mann für seinen "Doktor Faustus" im Simplicissimus nach besonders gediegenen Redewendungen gestöbert. Dass das Buch ziemlich genau zum 333. Todestag Grimmelshausens auf den Markt kommt, ist keinesfalls Kalkül, sondern Zufall - aber ein "witziger, der durchaus simplicianischen Geist" habe.

Witzig ist auch, dass "Der abenteuerliche Simplicissimus Deutsch" - so der Titel der neuen Übersetzung - der erste Titel bei "Die Andere Bibliothek" des Eichborn-Verlags ist, der in der neuen Rechtschreibung erscheint. Ausgerechnet die olle Schwarte. "Ich bin bestimmt kein Freund der neuen Rechtschreibung - aber das mussten wir machen, wenn wir uns nicht von vornherein den Schulen verschließen wollten", sagt Kaiser.

Denn bei aller Liebe - ist er doch kein eifersüchtiger Liebhaber. Auch andere Verehrer sind hochwillkommen, vor allem junge. Vom 31. August an ist das Buch auch im Radio zu hören, auf HR2, gesprochen von Felix von Manteuffel. Kaiser wird mit Sicherheit am Radio kleben, vielleicht an seinem Schreibtisch, hoch droben im Dachgeschoss seines Hauses in Seckbach, wo die Luft klar und der Empfang gut ist. Sie brennt noch, die Leidenschaft, und wer glaubt, dass Kaiser, der alte Blackscheißer, in Bälde davon kuriert sein könnte, der wohnt zweifelsfrei in der Fehlhalde.

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