Die Statue des heiligen Bonifatius in Fulda, wo die Deutsche Bischofskonferenz 2019 tagte.  
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Die Statue des heiligen Bonifatius in Fulda, wo die Deutsche Bischofskonferenz 2019 tagte.  

Sexueller Missbrauch

Bistum Limburg: „Es kann Jahrzehnte dauern, das Vertrauen zurück zu gewinnen“

  • Peter Hanack
    vonPeter Hanack
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Der Psychologe Heiner Keupp hält den Versuch der Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs im Bistum Limburg für glaubhaft. Doch er mahnt weitere konkrete Schritte zur Prävention an.

An der Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche sollen sich auch Opfer und externe Fachleute beteiligen. Eine entsprechende Erklärung haben die Deutsche Bischofskonferenz und der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung nun unterzeichnet. Dazu wird in jedem Bistum eine Kommission eingerichtet, die aus sieben Mitgliedern bestehen soll. Im Bistum Limburg hat die Arbeit in einer eigenen Kommission bereits begonnen. Jetzt geht es um die Umsetzung des mehrere Hundert Seiten umfassenden Projektberichts. 61 Vorschläge zur Prävention sind dort genannt.

Professor Keupp, wie vorbildhaft ist die Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs im Bistum Limburg?
Es ist wichtig, dass Bischof Bätzing diesen Schritt getan und den nun vorliegenden, sehr ausführlichen Projektbericht auf den Weg gebracht hat. Nun müssen weitere Schritte folgen, damit man beurteilen kann, ob das Handeln im Bistum Vorbildcharakter hat. Die zügige Umsetzung der Vorschläge gerade auch zur Prävention hat der Bischof ja angekündigt.

Ist der Projektbericht in Ihren Augen ein glaubhafter Versuch der Aufarbeitung und Prävention?
Es ist der aufrichtige Versuch, in die eigenen Strukturen hineinzuschauen und die Problemfelder zu beleuchten.

Ist das gelungen?
Man hat sich all die Themen vorgenommen, die wichtig sind. Es sind die Fragen der Macht, der sexualisierten Gewalt, der Rolle der Frauen in der Kirche. Es ist ein breites Spektrum bearbeitet worden, und das finde ich gut. Am wichtigsten aber scheint mir, dass man eine unabhängige Juristin bestellt hat, Claudia Burgsmüller, die den gesamten Prozess sehr differenziert und ja auch kritisch begleitet hat. Frau Burgsmüller hat ihre Rolle als externe Kontrolleurin wirklich unbestechlich wahrgenommen. Aber natürlich gibt es auch Schwachpunkte.

ZUR PERSON

Heiner Keupp (77) ist Mitglied der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs. Er war an den Studien zu den Missbrauchsfällen im Kloster Ettal, im Stift Kremsmünster sowie an der Odenwaldschule beteiligt. Er gehörte dem Beirat der MHG-Studie an, die die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche untersucht hat.

Von 1978 bis zu seiner Emeritierung 2008 war Keupp Professor für Sozial- und Gemeindepsychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Den Projektberich t zu den Missbrauchsfällen im Bistum Limburg gibt es unter www.bistumlimburg.de, Stichwort „Betroffene hören“. pgh

Welche sehen Sie?
Es waren viele wichtige Leute eingebunden, und die Kommission hat gut gearbeitet. Aber man sieht doch, dass ein deutliches Übergewicht der Personen sehr kirchennah ist. Pater Klaus Mertes, der als damaliger Direktor des Canisius-Kollegs die Aufarbeitung von Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche vor zehn Jahren überhaupt erst in Gang gesetzt hat, sagt, man brauche Kommissionen, die völlig unabhängig sind von der Kirche. Auf jeden Fall sollten die Kirchenleute nicht die Mehrheit haben. Es ist bis jetzt offenbar auch nicht gelungen, Opfer aus dem Bistum selbst zu für eine Mitarbeit zu gewinnen. Das ist einer der Schritte, die noch anstehen. Es wurden Betroffene aus anderen Kontexten eingeladen, die mitunter heftig Kritik geübt haben und teilweise den Eindruck hatten, nicht respektvoll behandelt worden zu sein. In Fragen der Betroffenenbeteiligung haben die Kirchen noch einen schmerzlichen Lernprozess vor sich.

War es mutig vom Bistum, externe Beobachter und Kontrolleure einzubinden?
Mutig war es sicher, Claudia Burgsmüller damit zu beauftragen. Ich kenne sie aus unserer gemeinsamen Tätigkeit bei der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle an der Odenwaldschule. Sie hat ja auch sehr schwierige Punkte angesprochen, etwa die Frage, ob auch die Klarnamen der Täter genannt werden sollen. Bei den unmittelbaren Tätern ist das allerdings aus rechtlichen Gründen schwierig, gerade, wenn es keine Verurteilungen gibt. Immerhin sind jetzt die Verantwortlichen des Bistums, die Missbrauch nicht sehen wollten oder gar vertuschten, im Bericht erkennbar. 

Ist es denkbar, dass die katholische Kirche in der Öffentlichkeit als Schutzraum für Kinder und Jugendliche wahrgenommen wird, wie sich das Bischof Bätzing wünscht?
Nicht allein durch diesen Bericht. Der mag ein wichtiger erster Schritt gewesen sein. Es hängt alles davon ab, dass das Bistum Strukturen aufbaut, die glaubhaft sind. Dann kann es vielleicht gelingen, dieses Vertrauen wieder herzustellen. Aber das kann Jahrzehnte dauern, denn jetzt ist es im Keller.

61 Maßnahmen sind im Projektbericht beschrieben. Welche sollten Ihrer Einschätzung nach als erste angegangen werden?
Ganz wichtig ist die Ausbildung der Priester. Eine der Fragen ist, wie Priester in die Rolle hineinsozialisiert werden, dass sie glauben, sie hätten eine besondere, nicht nur pastorale Macht über die Gläubigen. Das muss sich ändern, denn damit wächst auch die Gefahr der Grenzüberschreitung, gerade bei der besonderen Nähe zu Kindern und Jugendlichen. Das ist vielleicht das Schwierigste von allem, dass die Kirchenvertreter insgesamt ihren merkwürdigen elitären Sonderstatus reflektieren, diese Art von abgehobener Selbstgerechtigkeit. Vieles aber kann vom Bistum gar nicht verändert werden. Zum Beispiel die Abschaffung des Pflichtzölibats, also die Ehelosigkeit der Priester. Auch die Aufwertung der Rolle der Frauen liegt nur begrenzt in der Hand des Bistums. Da sind die eigenen Handlungsmöglichkeiten strukturell begrenzt, aber die vorhandenen Gestaltungsräume muss man nutzen.

Wo wären diese beispielsweise noch?
Wichtig ist es auch, dass eine Anlaufstelle geschaffen wird für Missbrauchsopfer, die unabhängig und sensibel arbeitet, bei der die Opfer ihr Leid vortragen können. Sie haben mit Kirche oft sehr schlechte Erfahrungen gemacht, man hat ihnen lange nicht zugehört, nicht geglaubt und ist ihnen oft kalt begegnet. Jeder, der sich bei der Kirche meldet, müsste dann ganz automatisch auch einen juristischen Beistand bekommen, denn es ist ein ganz harter schwieriger Weg, Gehör zu finden.

Werden dem Beispiel Limburgs andere Bistümer folgen?
Ich hoffe, dass andere sich davon ermuntern lassen, dass sie eine Chance sehen, etwas zu bewegen. Man muss ja nicht alles nachmachen, zumal ich das Projekt in Limburg auch für etwas überdimensioniert halte. Das wirklich Positive in Limburg ist, dass man dort nicht gewartet hat, bis von außen ein Anstoß kommt und man gezwungen ist, sich weiter auseinanderzusetzen. Man hat gehandelt, und das ist auch die Pflicht der Kirche, proaktiv zu handeln und wirklich alles auszuleuchten, damit es keine dunklen Felder mehr gibt. Das hat man dort verstanden.

Interview: Peter Hanack

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