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Bilder, die begeistern

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Von: Andreas Hartmann

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Frühe Italienbilder im Frankfurter Städel: Den Ausbruch des Vesuvs im Jahr 1872 zeigt eine frühe Fotoreportage von Georg Sommer. Bild: Städel Museum Frankfurt
Frühe Italienbilder im Frankfurter Städel: Den Ausbruch des Vesuvs im Jahr 1872 zeigt eine frühe Fotoreportage von Georg Sommer. Bild: Städel Museum Frankfurt © Städel Museum

2023 bringt einige herausragende Fotografieausstellungen nach Rüsselsheim und Frankfurt – sie zeigen ganz nebenbei auch die Geschichte des Mediums vom Anfang bis zur Gegenwart

Fotografie fasziniert – vielleicht auch deshalb, weil sie im Zeitalter digitaler Knipsereien zum einen so einfach und quasi kostenfrei verfügbar und zum anderen eine Kunstform ist, die bei Ausstellungen eine starke Anziehungskraft auf Besucherinnen und Besucher ausübt. Auch im neuen Jahr gibt es da einiges zu entdecken in Hessen, von früher Fotografie des 19. Jahrhunderts im Frankfurter Städel über zwei Starfotografinnen der 1920er Jahre in den Rüsselsheimer Opelvillen, Bravo-Starschnitte der 1970 und eine Ausstellung zu Frida Kahlo ebendort bis zu der „lebenden Legende“ Abe Frajndlich und der international bekannten Stylefotografin Nhu Xuan Hua im Fotografie-Forum Frankfurt.

Im Städel, eine Bürgerstiftung des frühen 19. Jahrhunderts, wird schon sehr lange auch Fotografie gesammelt, seit den Zeiten des legendären Direktors Passavant, dem das Museum auch seine ausgezeichnete Sammlung Alter Meister verdankt. Passavant begeisterte sich wie viele seiner Zeitgenoss:innen für Italien und die Kunst Raffaels. Für sein Werksverzeichnis des berühmten Renaissancemalers nutzte er auch das moderne Medium der Fotografie, was Zeitgenossen wie den Ehemann von Königin Victoria, Prinz Albert, in London faszinierte. Für seine private „Raphael Collection“ mit Fotografien nach Werken des Künstlers sei dieser in engem Austausch mit Passavant gewesen, berichtet Kristina Lemke, die seit anderthalb Jahren die Fotosammlung des Städels leitet. „Das war ein Heidenaufwand und sehr teuer“, sagt sie. Passavant selbst wollte Fotografie in seinem Museum hingegen für das breite Publikum nutzen, „so wie der Stiftungsauftrag des Museums es vorsah“.

Im Städel sind seither rund 5000 Fotografien von 1846 bis zur Gegenwart zusammengekommen, wie Lemke schätzt. Dass sie nun vom 23. Februar bis zum 3. September die Ausstellung „Italien vor Augen. Frühe Fotografien ewiger Sehnsuchtsorte“ zeigt, passt sehr gut in die Sammlungsgeschichte. Zu sehen sind unter anderem faszinierende Bilder eines Vesuvausbruchs, die der gebürtige Frankfurter Giorgio Sommer (eigentlich hieß er Georg) am 26. April 1872 vom Boot aus aufnahm. Ganz frühe Reportagefotos seien das gewesen, die die Grundlage für einen bebilderten Bericht in der Leipziger „Illustrirten Zeitung“ waren, schwärmt Lemke.

Die Fotografien wurden oft als Souvenirs aus dem Süden mitgebracht, Reiseführer wie der Baedeker empfahlen bereits früh neben Sehenswürdigkeiten auch die wichtigsten Fotoateliers zwecks Kaufs von Mitbringseln. Die teuren Abzüge zeigen allerdings ein traumhaft schönes, so nicht ganz echtes Italien, wie gemalt. „Weil die Belichtungszeiten lang waren, sieht man keine Menschen auf den Fotos, aber Italien war schon damals touristisch besucht“, sagt die Expertin. Später, als Menschen einfacher zu fotografieren waren, sind die Fotografien oft inszeniert, präsentieren das glückliche, klischeehafte Leben von Bäuerinnen und Fischern. Das Versprechen der Fotografie, die Wirklichkeit abzubilden – bereits in diesen frühen Ansichten lässt es sich also hinterfragen.

Den Gang durch die Geschichte der Fotografie kann man anhand von drei spannenden Ausstellungen in den Rüsselsheimer Opelvillen fortsetzen. Sehr verdienstvoll ist es, dass sich das Haus mit den jüdischen Glamourfotografinnen Yva alias Else Ernestine Neuländer-Simon, (geboren 1900 in Berlin, ermordet wohl 1942 im KZ Sobibor) und Frieda Riess (geboren 1890 in der Provinz Posen, gestorben 1957 in Paris) befasst, zu sehen vom 19. Februar bis zum 4. Juni.

Wie brillant und modern beide ihre Modelle für die zahlreichen Illustrierten der Zeit inszenierten, das ist auch nach mehr als 80 Jahren atemberaubend. Yvas berühmtester Schüler war übrigens der Aktfotograf Helmuth Newton, der als Helmut Neustädter bis zu seiner Flucht 1938 bei ihr in die Lehre ging. Der Fotografin und ihrem Mann gelang die rettende Emigration nicht mehr.

Die folgende Ausstellung „Bravo-Starschnitte. Eine Sammlung von Legenden“ (25. Juni bis 1. Oktober) schließt an den Glamour Yvas und „der Riess“ an und hinterfragt das popkulturelle Phänomen des dann doch ziemlich unglamourösen lebensgroßen Starschnitts, den die Jugendzeitschrift Bravo in zahllose Teenagerzimmer brachte.

Die dritte Schau in Rüsselsheim zeigt vom 5. November bis zum 4. Februar 2024 „Frida Kahlo. Ihre Fotografien“ aus dem Nachlass dieser Ikone der Kunst des 20. Jahrhunderts. Trotz Kahlos enormer Popularität waren diese bis vor kurzem völlig unbekannt.

Zeitgenössische Fotografie auf hohem Niveau zeigt schließlich das Frankfurter Fotografie-Forum in der Braubachstraße. Mit dem 1946 in einem Lager für Holocaustüberlebende in Frankfurt geborenen, international bekannten New Yorker Fotografen Abe Frajndlich befasst sich die Retrospektive „Chameleon“ vom 20. Mai bis zum 17. September. Ganz aktuelle Bilder sind zuvor in der Ausstellung „Hug of a Swan“ der französischen Mode- und Porträtfotografin Nhu Xuan Hua vom 10. Februar bis zum 7. Mai zu sehen, die Stars und Sternchen zwischen Korea und London mit ganz eigener Handschrift ablichtet.

Jack Lemmon, Schauspieler, zu sehen in der Abe-Frajndlich-Retrospektive im Fotografie-Forum Frankfurt. Bild: Abe Frajndlich 2023
Jack Lemmon, Schauspieler, zu sehen in der Abe-Frajndlich-Retrospektive im Fotografie-Forum Frankfurt. Bild: Abe Frajndlich 2023 © Abe Frajndlich 2023

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