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Das Bild zum Unwort

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Von: Boris Halva

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Der Mob aus der Ferne betrachtet.
Der Mob aus der Ferne betrachtet. © Jan Ehlers

Zehn Darmstädter Fotografen haben sich nach dem "Volksverräter" umgesehen. Die Verweise sind absehbar, ie Arbeiten erstaunlich und anregend. Die Schau im Kunstforum der TU läuft bis 26. März.

Der Mann ist nicht unsympathisch. Er sieht ein bisschen aus wie Elvis Presley. Mit kleinem Brilliant-Stecker im Ohr, dunkelblaues Jacket, den obersten Hemdknopf leger geöffnet. Adolf Hitler sieht in Farbe und ohne Schnurrbart nett aus. Doch sobald einem bewusst wird, wem man sich da recht vorbehaltlos und neugierig nähert, zuckt man zusammen. Dieser Mann soll einst einen verheerenden Krieg angefangen haben und für die Ermordung von Millionen von Menschen verantwortlich sein?

Mit diesem schlichten wie verblüffenden Motiv arbeitet Andreas Zierhut, einer von zehn Darmstädter Fotografen, die den Volksverräter, das Unwort des Jahres 2016, in Bilder umgesetzt haben, gewissermaßen das Epizentrum der aktuellen Erschütterungen unserer westlichen Demokratien heraus. „Wir kennen Hitler und Goebbels nur in Schwarz-Weiß“, sagt der Soziologe und Holocaust-Forscher Harald Welzer in seiner Rede zur Ausstellungseröffnung am Donnerstag im Kunstforum der TU Darmstadt, „und das hilft uns, das zu distanzieren. Aber in Farbe wird das eigenartig real.“

Na klar. Die Schrecken der Vergangenheit scheinen fern, so lange wir sie auf vergilbtem Papier betrachten oder in grieseligen Filmaufnahmen an uns vorüberziehen lassen. Aber Hitler und Goebbels in Farbe, letzterer mit einer Hornbrille, wie sie heute fast alle tragen, das wirkt harmlos – und ist deswegen umso erschreckender.

Jan Ehlers’ Arbeit greift den entgegengesetzten Mechanismus auf: Weil die Medien immer nah ran gehen, wirkt ein Pulk Pegida-Anhänger bedrohlich – aus der Ferne betrachtet nicht mehr. Mit dem Volksverräter hat es nun der dritte Begriff aus den Reihen von Pegida und AfD zum Unwort gebracht. Für Welzer einerseits gut, „denn das schafft Kommunikationsanlässe“, heißt: wir sollten spätestens jetzt erkennen, dass die Demokratie gefährdet ist. Problematisch sei, dass die Ängste und Vorbehalte eines ganz kleinen Teils der Bevölkerung – er nennt sie die Dauererregten – damit zu viel Gewicht bekommen.

Gewicht haben indes alle Arbeiten, die sich mit dem Volksverräter befasst haben, und die noch bis 26. März im Kunstforum zu sehen sind. Kuratorin Julia Reichelt freut sich, dass mit dieser Schau an die ursprüngliche Idee des neu gestalteten Kunstforums angeknüpft wird: „So wie die Unwort-Jury sensibilisieren will für das, was ein Wort ausrichten kann, so wollen wir über Kunst in den Dialog kommen und Raum für Kontroverse bieten.“ Kontrovers, das passt gut. Denn alle Unwort-Arbeiten bestehen jeweils aus einer linken und einer rechten Hälfte, die sich ergänzen, korrespondieren und nicht zuletzt angesichts des aktuell verarbeiteten Unworts auch eine politische Dimension einspeisen. Alle haben Gewicht, wühlen auf, stimmen nachdenklich-amüsiert, auch wenn nicht alle die großen Schreckensmotive zitieren, die man sofort mit Nazi-Jargon assoziiert. Die Idee hinter jedem einzelnen Werk ist stark und hat Tiefe.

Jana Essl etwa hat ihre 14 Monate alte Tochter fotografiert und deren kleinen Spielkameraden, den Sohn eines Ghanaers. „Ist meine Tochter schon Volksverräterin, weil ihr Farbe und Herkunft egal sind?“, fragt Essl. Und Stefan Daub ist an den Obersalzberg gereist, um mit eigenen Augen zu sehen, was Hitler sah. Und hat das Motiv dann auf 140 Pixel reduziert. Als Analogie zur nicht erst seit Donald Trump hoffähig gewordenen Reduktion von Weltpolitik auf 140 Twitterzeichen.

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