+
CSU-Chef Markus Söder nimmt einen tiefen Schluck beim Politischen Aschermittwoch. Unser Autor ist froh, dass Hessen nicht Bayern ist.

Gut gebrüllt 

Bierernst statt bierselig

  • schließen

Zum Glück fasst der Politische Aschermittwoch hier nicht Fuß. Die Kolumne aus dem Landtag.

Manchmal bin ich wirklich froh, dass Hessen nicht Bayern ist. Vor allem am Aschermittwoch. Das mehr oder weniger betrunkene Poltern und Beschimpfen des Gegners beim Politischen Aschermittwoch hat sich in der hessischen Landespolitik nicht durchgesetzt. Zum Glück.

Es gibt zwar lokale Aschermittwochs-Veranstaltungen. Aber sie sind nicht annähernd mit Passau zu vergleichen, der Mutter aller Politischen Aschermittwoche.

In Hessen hat sich nur die Tradition des Heringsessens durchgesetzt, zu dem die FDP-Landtagsfraktion uns Journalisten der Landespressekonferenz am Aschermittwoch einlädt. Die Gespräche dabei fielen diesmal ernst aus. FDP-Abgeordnete waren, ebenso wie ihre Kollegen aus anderen Fraktionen, in Hanau gewesen und hatten Gesicht gezeigt gegen Hass und Rechtsextremismus. Bei so einem Aschermittwoch fühlt sich zum Glück niemand gezwungen, witzig und bissig zu sein. Das ist beim Politischen Aschermittwoch anders.

Man kann es natürlich lösen wie die Frankfurter Grünen und aus dem Spaß Ernst machen. Sie verlasen die Namen der Opfer von Hanau und ließen den Bundestagsabgeordneten Konstantin von Notz zum Kampf gegen Rechtsextremismus aufrufen. Andere Parteien versuchten es so ähnlich. Gut so! Aber ist das dann noch ein Politischer Aschermittwoch?

Das Format ist auch in anderen Jahren einfach nicht jedermanns Sache. Die wenigsten Politikerinnen und Politiker beherrschen die deftige und trotzdem nicht peinliche Aschermittwochsrede.

Es gibt aber auch diejenigen, die sich nicht im geringsten um die Erwartung ihres bierseligen Publikums scheren und es mit einer bierernsten Rede versuchen. Mein persönliches Highlight aus dieser Kategorie ist etliche Jahre her. Seinerzeit berichtete ich über eine Aschermittwochs-Veranstaltung der Linken, die damals noch PDS hießen, in Berlin. Sie schickten, weil Gregor Gysi im Kuba-Urlaub weilte, ihren Ex-Parteivorsitzenden Lothar Bisky auf die Bühne, einen klugen Professor, der inzwischen verstorben ist.

Bisky hielt seinem Kneipenpublikum allen Ernstes eine Aschermittwochsrede über „300 Jahre Preußen“. Sein schärfster Satz lautete, ich hab’s extra nachgeschlagen: „Hier ist nicht der Ort, Georg Lukacs strenges literatursoziologisches Theoriengebäude kritisch zu hinterfragen.“ Man konnte Bisky nicht vorwerfen, fade Scherze versucht zu haben.

Damit haben wir im Landtag reichlich Erfahrung. In den Parlamentssitzungen bemühen sich immer wieder Rednerinnen und Redner darum, lustig zu sein. Die meisten Humor-Experimente kommen allerdings über das Versuchsstadium nicht hinaus.

Erschöpft hat sich etwa der Amüsiereffekt in den Reden des Datenschutzbeauftragten Michael Ronellenfitsch. Der Juraprofessor, nutzt seinen Auftritt im Landtag seit Jahren für Späße. Gerne sucht er Musiktitel heraus und bezieht sie auf den Datenschutz.

In diesem Jahr schmückte er seinen Vortrag über den Datenschutz 2018 mit Titeln aus der Schlagerhitparade des gleichen Jahres. So ging es um „Willkommen Gänsehaut“ von André Stade.

Ronellenfitsch kommentierte, bei der Gänsehaut handele es sich „datenschutzrechtlich wohl nicht um ein biometrisches Merkmal“ nach der Datenschutz-Grundverordnung, „da kein Dauerzustand beschrieben“ werde. Das ist immerhin originell und wäre aschermittwochsfähig. Doch manchmal, insbesondere wenn es rundherum dramatische politische Entwicklungen gibt, wirkt Humor in der Politik eher deplatziert.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare