Georg Hirsch hielt den Karnevalsumzug von 1936 auf Neun-Millimeter-Film mit Mittelperforation fest.

Kultur

Bewegte Bilder vom „Karlchen“ in Offenbach

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Kino Varieté zeigt Amateurfilmaufnahmen aus den Jahren 1934 und 36

Karl Winterkorn dürfte fast jedem Offenbacher ein Begriff sein, als „Streichholzkarlchen“ ging der kleinwüchsige Mann durch zahlreiche Anekdoten in die Lokalgeschichte ein. Am Wilhelmsplatz erinnert ein Denkmal an das Offenbacher Original. Am Freitag konnten die Besucher des Kino Varietés erstmals bewegte Bilder von ihm sehen: Das „Streichholzkarlchen“ war kostümiert beim Offenbacher Karnevalsumzug 1936 dabei.

In Frankfurt, Hanau oder Darmstadt hat Kino Varieté bereits Station gemacht und historische Amateurfilme, Varieté-Einlagen, Chansons und Stummfilme gezeigt. Am Freitag im Capitol erregten besonders die Neun-Millimeter-Filme des Amateurfilmers Georg Hirsch großes Aufsehen. Der hatte im Verein „Film-Freunde-Offenbach“ einst gedreht, zwei Filme blieben erhalten. Zu sehen waren private Aufnahmen aus 1934: Ein Ausflug vom Wohnhaus in der Blücherstraße nach Bürgel und Rumpenheim an den Main. Zu sehen sind dabei etwa die Badeanstalt am Main und auch kurz die alte Verbindung nach Fechenheim mit dem Nachen.

Im Film über den Karnevalsumzug 1936 beeindruckt allein schon die Masse an Zuschauern, die damals den Zug verfolgten: Zu sehen sind diese an der Frankfurter Straße oder am Starkenburgring, der damals noch Hindenburgring hieß. Nicht nur was die Zuschauerzahlen betrifft, auch in Sachen Motivwagen und Fußgruppen dürfte so manche heutige Karnevalshochburg neidisch werden: Zu sehen sind üppig dekorierte Wagen, dutzende Reiter und riesige Musikgruppen. Dass Karneval und Kommerz schon damals Hand in Hand gingen, ist auch zu sehen, so war die Seifenfabrik Kappus nicht nur mit einer großen, als Pinguine kostümierten Fußgruppe vertreten, auch eine Seifenkönigin samt Hofstaat an Waschbottichen gehörten dazu. Auch die Kaiser-Friedrich-Quelle oder das Möbelhaus Wilzbacher waren mit Motivwagen vertreten.

Die Reihe Kino Varieté ist eine Kooperation des Kulturfonds Frankfurt Rhein-Main mit ZDF / Arte und den beteiligten Städten.

Am Mittwoch, 8. Mai , ab 19.30 Uhr gastiert die Reihe in der Brentanoscheune, Hauptstraße 134a, in Oestrich-Winkel. Gezeigt wird unter anderem ein Amateurfilm über einen Rheinausflug zum Niederwald-Denkmal. som

kulturfonds-frm.de/kino-variete

Nur kurz ist zu sehen, dass sich der damalige Zeitgeist auch auf den Umzug auswirkte, so wurde der Völkerbund als weinseliges Grüppchen dargestellt. „Die Aufnahmen sind einmalig, sie zeigen, dass es trotz der starken Kontrolle damals in privaten Clubs eben doch Freiräume gab“, sagt Arte-Redakteurin Nina Goslar, die die Filme für die Kino-Reihe recherchiert und zusammengestellt hat.

Dass die Filme gezeigt werden konnten, ist Georg Hirschs Enkelin Karin zu verdanken. „Die Filme lagerten bei meiner Tante am Niederrhein, mein Vater erzählte mir, dass es die Filme noch geben müsste“, sagt sie. Also nahm sie Kontakt zu ihrer Tante auf und tatsächlich fanden sich die Filmrollen auf dem Dachboden. Karin Hirsch ließ sie digitalisieren, doch zunächst zeigten weder Museen noch Kulturämter der Region Interesse an den historischen Aufnahmen. „Über ein paar Ecken lernte ich Nina Goslar kennen und die war ganz begeistert von den Filmen“, sagt sie.

„Vom „Streichholzkarlchen“ sind es die einzigen erhaltenen bewegten Bilder“, sagt Katrin M. Schneider vom Haus der Stadtgeschichte, „und so ist auch erhalten geblieben, dass die Technische Lehranstalt, der Vorläufer der HfG, die Motivwagen für den Karnevalsumzug baute.“ Für Hirsch ist die Vorführung der Filme ein emotionaler Augenblick. „Das ist mein Papa“, sagt sie gerührt, als dieser als Fünfjähriger beim Spiel mit dem Teddy zu sehen ist.

Eine Kopie der Filme lagert zwar im Haus der Stadtgeschichte, doch Goslar möchte die Filme gern breiter zugänglich machen. „Es gibt bereits eine Webseite ‚Hessen im Film‘ des Deutschen Filminstituts - mein Wunsch wäre es, dass Ausschnitte der jeweiligen Filme aus Offenbach, Frankfurt oder Darmstadt dort zu sehen wären“, sagt sie. Goslar und die weiteren Organisatoren der Reihe wollen das Material weiter aufbereiten und zusätzliche Informationen rund um die Filme, die Filmemacher und das Gezeigte publizieren.

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