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Landgericht Frankfurt

Bewährung für Waffennarr

  • Oliver Teutsch
    VonOliver Teutsch
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Ein notorisch aggressiver 40-Jähriger bedroht einen Rettungssanitäter mit einem Revolver und steht deswegen erneut vor Gericht. Er kommt wegen der besonderen Umstände mit einem milden Urteil davon.

Bei der Urteilsverkündung hat Richterin Rita Natalello Bauchschmerzen. Was macht man mit einem Mann, der sein Leben nicht in den Griff kriegt, aber nicht wirklich kriminell ist? Wie bestraft man jemanden, der nicht sehr helle ist und sein Heil in Alkohol und Drogen sucht?

Michael H. hat es als eines von sieben Kindern nicht leicht gehabt im Leben. Sein Vater vergewaltigt eine der Töchter mehrmals. H. landet früh in einem Heim für Schwererziehbare. Irgendwie schlägt er sich durch, besucht acht Schulen, macht schließlich einen Abschluss und eine Lehre als Koch. Bis ins Alter von 24 Jahren kommt er straffrei durch Leben. Dann landet er zum ersten Mal wegen fahrlässiger Körperverletzung vor Gericht. Bis dahin hat er bereits vier Kinder gezeugt und gerade seine zweite Frau kennengelernt. Auch mit ihr zeugt er vier Kinder, die aber bald in Pflegefamilien landen und von denen zwei bereits gestorben sind.

H. gerät jetzt immer häufiger mit dem Gesetz in Konflikt. Im Jahr 2003 verbietet ihm die Stadt Frankfurt den Besitz von Signal- und Schreckschusswaffen. Waffen sind das große Ding von H. Schon als Kind hat er sich für Karl May begeistert. Er ist Mitglied in zahlreichen Westernclubs und sammelt zu Hause in Sindlingen Zieräxte, Beile, indianische Lanzen, Pfeil und Bogen, Messer und auch Schusswaffen. In Verbindung mit seiner Aggressivität und der Alkohol- und Drogensucht ist das eine gefährliche Mischung. Denn immer wieder nutzt H. die Waffen zur Drohung und landet deswegen vor Gericht. „Manchmal gehe ich in den Wald und schreie mir die Seele aus dem Leib“, verrät H.

Reihe von Wutausbrüche

Zum traurigen Höhepunkt in der Reihe seiner Wutausbrüche kommt es am 12. Dezember 2014. Seine Frau klagt über starke Bauchschmerzen, H. verständigt den Rettungswagen. Die Sanitäter untersuchen die Frau und wollen sie ins Krankenhaus schaffen. Da die Klinik in Höchst überlastet ist, soll es nach Bad Soden gehen. Doch das ist H. zu weit. Dort kann er sie nicht besuchen. H. tobt und sagt den eingeschüchterten Rettungssanitätern schließlich: „Ohne Waffengewalt werde ich sie nicht passieren lassen.“ Es klingt wie aus einem Western. Die Sanitäter beeilen sich wegzukommen, spätestens als einer sieht, dass H. tatsächlich einen Revolver hat. Die Rettungssanitäter und die Ehefrau sind schon im Wagen und losgefahren, als H. vor ihnen auf die Straße tritt und auf sie zielt. Die Gaspistole sieht so täuschend echt aus, dass selbst die Ehefrau sie dafür hält und Angst hat.

Das Amtsgericht Höchst verurteilt H. zu einer Haftstrafe von neun Monaten ohne Bewährung, da die Sozialprognose nicht günstig ist. Doch H. will nicht in den Knast und geht in Berufung. Auch vor dem Landgericht fällt die Bilanz ernüchternd aus. „Ihm fehlt die Einsichtsfähigkeit“, sagt ein Polizist, der H. schon seit längerem kennt und ihn für keinen schlechten Kerl hält.

Aber schuld sind bei H. immer die anderen. Das Jugendamt, die Ärzte, die Polizei, das Gericht, die Bewährungshelferin. Der einzige Lichtblick im Leben von H. sind die vielen Arbeitsstunden, die er wegen früherer Vergehen aufgebrummt bekommen hat und die er zuverlässig in der Tafel in Hattersheim versieht. Das gebe seinem Leben eine gewisse Struktur, mehr jedenfalls als das Gefängnis, wirbt der Verteidiger.

Staatsanwalt Wanja Wenke eiert ein bisschen rum. Der im Westernmilieu sozialisierte H. habe eine große Intelligenzeinschränkung, kenne keinen Lerneffekt, man könnte… aber na gut, Bewährung. Im Prinzip schiebt er den Schwarzen Peter an das Gericht weiter. „Die Kammer hat sich, mit Bauchschmerzen zwar, noch mal zu einer Bewährung durchgerungen“, verrät Richterin Natalello. H. soll jetzt aber eine stationäre Entziehungskur und ein Anti-Aggressionstraining machen.

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