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Alte Menschen sind häufig Ziel von Betrügern - in jüngster Zeit häufig am Telefon.

Abzocke von Senioren

Betrugsfälle am Telefon nehmen in Rhein-Main zu

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Immer mehr alte Menschen fallen auf falsche Polizisten herein. Zuletzt büßte ein Mann aus der Wetterau eine unfassbar hohe Summe ein. Enkeltrick-Fälle gehen zurück.

Aus manchen Pressemitteilungen der Polizei lässt sich die Empörung herauslesen. Am Mittwoch etwa berichteten die Frankfurter Ermittler von einem Fall in Eckenheim. Dort bat ein 93-Jähriger einen Mann um Hilfe. Er habe vergessen, wann er welche Tabletten einnehmen müsse, erzählte der Rentner und fragte den Mann, ob dieser vielleicht gerade mal seinen Arzt kontaktieren könne.

Das tat der etwa 25 bis 30 Jahre alte Mann aber nicht – stattdessen schnappte er sich die Schlüssel des schwerkranken Senioren, ging in dessen Wohnung und nahm alle Wertsachen mit. Sein Opfer hatte er derweil auf einen Rollstuhl gesetzt, in den Wohnungsflur geschoben und die Feststellbremse des Gefährts angezogen. In der Pressemitteilung zu dem Fall finden sich Vokabeln wie „ganz besonders dreist“ und „schamlos“.

Doch so verwerflich das Verhalten des Täters in Frankfurt-Eckenheim auch sein mag – es sind nicht solche Fälle, die der Polizei Sorgen machen. Wenn alte Menschen Opfer von Kriminalität werden, gehen die meisten Täter längst nicht so plump vor. Vielmehr finden sie immer neue Tricks, um ihre Opfer teils um deren gesamtes Vermögen zu bringen. Für besonderes Aufsehen sorgte nun ein Fall in der Wetterau. Dabei hatte ein Mann 700 000 Euro (!) an falsche Polizisten verloren. Er hatte den Betrügern sein gesamtes Vermögen vor die Haustür gelegt.

Die Geschichte, die die Täter dem Rentner in mehreren Telefonaten auftischten, klang zumindest nicht völlig unrealistisch. Die Polizei habe eine Diebesbande gefasst, zumindest einen Teil davon, einige Verdächtige seien auch noch auf freiem Fuß. Bei den Festgenommenen hätten die Beamten ein Notizbuch gefunden mit den Daten von potenziellen Opfern – zu ihnen zähle auch der Rentner. So weit glaubte der Mann die Schilderungen noch ohne weiteres.

Dann begann für die Betrüger der schwierigere Teil. Sie mussten ihr Opfer davon überzeugen, dass er ihnen – „nur zu seinem Schutz“ – sein gesamtes Vermögen aushändigt. Und so riefen sie den Rentner immer wieder an, gaben sich mal als Beamte der örtlichen Polizeibehörde, mal als LKA-Experten, mal als Staatsanwälte aus. Schließlich muss der Mann ganz sicher gewesen sein, dass die Anrufer sein Vermögen an einen sicheren Ort bringen wollten. Zunächst legte er Schmuck und Bargeld im Wert von einer Viertelmillion Euro vor die Haustür – die Täter mussten ihre Beute nur abholen und wurden dabei nicht einmal gesehen. Einen Tag später deponierte er am selben Ort Goldbarren im Wert von 450 000 Euro. Erst zwei Wochen später wurde er misstrauisch und informierte seinen Anwalt.

Fingierter Anruf von der 110

Alexander Kießling, Leiter der Pressestelle der Frankfurter Polizei, kennt viele solche Fälle, wenngleich die Schadenssumme meistens nicht derart hoch ist. Doch die Masche ist fast immer gleich: Betrüger rufen alte Menschen an und suchen dafür zuvor im Telefonbuch nach Vornamen wie Elfriede oder Adolf. In den Gesprächen geben sie sich als Polizeibeamte aus und erzählen ihren Opfern, ihr Vermögen sei in Gefahr – etwa wegen einer in der Stadt tätigen Einbrecherbande oder aber, weil bei der Bank ein Mitarbeiter Geld abzweigt. Sie könnten die Wertsachen aber einem Polizisten aushändigen, dieser bringe sie dann in Sicherheit.

Entscheidend für die Täter ist, dass sie schnell das Vertrauen ihrer Opfer gewinnen. Dafür schneiden sie sogar Funksprüche der Polizei aus Fernsehkrimis mit, die sie während der Telefonate immer wieder einspielen. Vor allem aber fordern die Betrüger die älteren Menschen auf, auf das Display ihres Telefons zu schauen, auf dem die Nummer des Anrufers angezeigt wird. Dort steht regelmäßig die 110 – eine Täuschung. Würde die Leitstelle der Polizei jemanden anrufen, lautete die Nummer niemals 110, darunter werden nur Anrufe entgegengenommen. Erzeugt wurde die Anzeige im Display in einem Callcenter. „Call-ID-Spoofing“ nennt die Polizei dieses Verfahren. Oft sitzen die Anrufer im Ausland und dirigieren von dort später ihre Hintermänner zu den Opfern.

Das alles wissen die Senioren nicht. Sie glauben, die Polizei rufe sie an. Ein besonders ausgeprägtes Obrigkeitsdenken führt dann dazu, dass sie alle Forderungen der Anrufer erfüllen.

Die hessische Polizei registrierte im Jahr 2018 mehr als 2100 dieser Telefonate. In 54 Fällen hatten die Betrüger mit dieser Masche Erfolg; sie erbeuteten insgesamt mehr als 1,3 Millionen Euro. Und das sind nur die angezeigten Taten. Die Ermittler gehen von einem großen Dunkelfeld aus. Vor allem aus Scham melden sich viele Opfer nicht.

Doch es sind nicht nur falsche Polizisten, die an das Geld der Senioren wollen. Auch den klassischen Enkeltrickbetrug gibt es noch. Zuletzt berichteten die Polizeibehörden in Hessen wieder von mehreren Fallen. So rief eine junge Frau eine Seniorin an und gab sich als deren Enkelin aus. Sie sitze gerade beim Notar und brauche zur Anzahlung einer Wohnung einen fünfstelligen Betrag, den ihre Freundin gleich abholen könnte. Der Trick funktionierte. Auch ein Mann, der von seiner „Großmutter“ 40 000 Euro für einen Autokauf brauchte, bekam das Geld.

Fast immer hatten die Täter zu Beginn des Gesprächs keinen Namen genannt, sondern es mit der Frage eröffnet: „Ja, weißt du denn nicht wer ich bin?“ Die peinlich berührten Senioren nannten einen Namen aus der Familie, die Betrüger gaben fortan vor, genau dieser Enkel/Schwager/Neffe zu sein.

Immerhin ist die Zahl der vollendeten Betrugsfälle beim Enkeltrick rückläufig. In Frankfurt wurden 2018 nur noch vier Senioren Opfer dieser Masche, die Täter erbeuteten 54 000 Euro. Auch diese Summe war in den Jahren zuvor wesentlich höher. Die Polizei führt die Entwicklung auch auf ihre Gespräche bei Banken und Sparkassen zurück. Deren Mitarbeiter seien sensibilisiert worden, ältere Menschen, die sehr viel Geld abheben wollen, auf die Gefahren eines möglichen Enkeltricks hinzuweisen.

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