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Betrügereien am Telefon haben in Hessen 2021 stark zugenommen

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Von: Oliver Teutsch

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Ältere Menschen sind meist sehr hilfsbereit und wollennichts falsch machen.
Ältere Menschen sind meist sehr hilfsbereit und wollennichts falsch machen. © PantherMedia / AndreyPopov

Die durch Telefonate entstandene Schadensumme in Hessen ist 2021 explodiert. Enkeltrickbetruh und Schockanrufe zum nachteil älterer Menschen.

Homeoffice und Ausgangsbeschränkungen haben Kriminellen im vergangenen Jahr besonders viele Möglichkeiten zum Telefonbetrug gegeben. Der durch Telefonbetrug entstandene Schaden in Hessen habe sich von 8,5 Millionen im Jahr 2020 auf gut 21,7 Millionen Euro im Jahr 2021 mehr als verdoppelt, wie das Landeskriminalamt auf FR-Anfrage mitteilte. Die drastische Zunahme sei auch mit dem Einkaufsverhalten der Menschen weg vom Einkaufen in Geschäften, hin zur Abwicklung des Einkaufens via Telefon zu erklären. Besonders drastisch stieg die Schadensumme im genannten Zeitraum beim Anlagebetrug von 800 000 auf 5,6 Millionen Euro im vergangenen Jahr.

Unter Telefonbetrug werden verschiedene Betrugsarten am Telefon wie Leistungsbetrug, Waren- und Kreditbetrug, Anlagebetrug, sogenannte Schockanrufe und Enkeltrickbetrug subsumiert. Besonders perfide sind die beiden letztgenannten Phänomene, da es sich laut LKA um „seniorenspezifische Straftaten“ handelt, bei denen die Opfer fast ausschließlich Menschen deutlich über 60 Jahre sind. Auch beim Enkeltrickbetrug, bei dem den älteren Menschen vorgetäuscht wird, Verwandte befänden sich in einer finanziellen Notlage, hat sich die Schadensumme im vergangenen Jahr im Vergleich zu 2020 von 1,3 auf 2,5 Millionen Euro fast verdoppelt.

Der Trend scheint sich im Jahr 2022 fortzusetzen. Fast täglich vermeldet etwa die Frankfurter Polizei Telefonbetrug zum Nachteil älterer Menschen. Zuletzt am Mittwoch, als eine 86-Jährige im Westend um Schmuck im Wert von mehreren Zehntausend Euro gebracht wurde, weil eine „Bekannte“ nach einem Unfall in Haft sei und Geld für eine Kaution brauche. Schadensummen in dieser Höhe sind keine Seltenheit, wie Nicole von Alkier, Leiterin des Frankfurter Dezernats „Straftaten zum Nachteil älterer Menschen“ zu berichten weiß: „Die Schadensumme ist meistens fünfstellig. Man setzt hoch an und verhandelt dann auch.“ Neben Bargeld akzeptieren die Kriminellen dabei auch Schmuck oder Goldbarren.

Besonders bei den immer mehr in Mode kommenden Schockanrufen sind die Opfer keineswegs geistig eingeschränkt. „Die Opfer können wirklich noch komplett klar denken, sie sind nur mit der Situation komplett überfordert“, weiß von Alkier aus ihrer Ermittlungsarbeit zu berichten. Am besten sei es, immer sofort aufzulegen. Doch die Vereinsamung und die Erziehung zur Hilfsbereitschaft hält viele ältere Menschen davon ab, ein Telefonat sofort zu beenden. Mit der vermeintlich schockierenden Nachricht sind dann aber viele in der spontanen Tatsituation überfordert.

Den Kriminellen auf die Schliche zu kommen, ist äußerst schwer. Die rhetorisch geschulten Anrufer:innen sitzen fast ausnahmslos im Ausland. Bei Enkeltrickbetrug häufig in der Türkei, bei den Schockanrufen hat sich den bisherigen Ermittlungen zufolge Polen als ein Schwerpunkt herauskristallisiert. Ins Netz gehen eher diejenigen, die Bargeld und Wertgegenstände abholen. Dabei sind die Abholpunkte nicht immer die Haustüren der Opfer. In einigen Fällen müssen die Geschädigten sogar weite Fahrtstrecken in Kauf nehmen. Von Alkier kann sich an einen Fall erinnern, in dem eine Seniorin aus Stuttgart bis auf die Zeil in die Nähe des Amtsgerichts gelockt wurde, um ihre Wertgegenstände zu übergeben. Besonders tragisch: Erst kurz nach der Übergabe erreichte eine Nichte die Geschädigte telefonisch und warnte zu spät. Die Gegend um das Amtsgericht sei ein beliebter Übergabeort für vermeintliche Kautionen, da so eine gewisse Nähe zur Justiz suggeriert werde.

Schockanrufe, Enkeltrickbetrug und andere Gaunereien per Telefon sind indes kein Phänomen der anonymen Großstädte. Das LKA hat die Betrugsfälle in den vergangenen Jahren nach einzelnen Landkreisen statistisch zugeordnet. Fast alle Regionen sind betroffen. Spitzenreiter in den vergangenen beiden Jahren: jeweils der Raum Kassel und der Main-Kinzig-Kreis. Die Summe der erfassten Zahlen von Telefonbetrug in Hessen insgesamt lag 2021 bei 3709. Im Vergleich zu 2017 fast exakt eine Verdoppelung. Die Dunkelziffer stuft die Polizei als sehr hoch ein, da viele Opfer aus Scham den Schaden nicht anzeigen.

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