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Nur Schwerkranke sind in den Notaufnahmen der Kliniken richtig am Platz. Das wissen viele Patienten nicht. 

Onlinebefragung

Beschäftigte in hessischen Notaufnahmen erleben nahezu täglich Gewalt

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Menschen, die in der Notaufnahme arbeiten, werden häufig mit Gewalt konfrontiert. Wie lassen sich die Arbeitsbedingungen dort verbessern?  

Wer in einer Notaufnahme arbeitet, ist häufig mit Gewalt konfrontiert. Eine aktuelle Onlinebefragung der Fachhochschule Fulda unter den 51 Notaufnahmen in Hessen ergab, dass knapp 76 Prozent der Befragten innerhalb eines Jahres mindestens eine Form körperlicher Gewalt erlebt hatten. 97 Prozent gaben an, mit verbaler Gewalt konfrontiert gewesen zu sein, jede/r Zweite mit mindestens einer Form sexualisierter Gewalt.

Teilgenommen hatten insgesamt 354 Personen. Ziel der vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst finanzierten Studie war es, herauszuarbeiten, wie Beschäftigte in der Notaufnahme sicher und gesund arbeiten können. Denn wer nahezu täglich mit Gewalt konfrontiert wird, reagiert mit Gereiztheit und Verlust der Freude am Beruf. „Mit Blick auf die physische und psychische Gesundheit der Beschäftigten in Notaufnahmen besteht ein dringender Bedarf, spezifische Maßnahmen im Rahmen des betrieblichen Gesundheitsmanagements zu etablieren“, schlussfolgern die zuständigen Wissenschaftlerinnen, Margit Christiansen und Gamze Güzel-Freudenstein.

Die Techniker-Krankenkasse (TK) Hessen nimmt die Ergebnisse zum Anlass, sogenannte Portalpraxen als Standard zu fordern. Sie könnten die Patientenzahlen und Gewaltausbrüche in den Notaufnahmen reduzieren. Auch wenn nicht explizit so genannt wird, findet sich das Modell Portalpraxen auch im Koalitionsvertrag der schwarz-grünen Landesregierung: „In der sektorenübergreifenden Notfallversorgung orientieren wir uns am Höchster Modell“, heißt es darin. Im städtischen Klinikum Frankfurt-Höchst ist die Notaufnahme auch eine Sortierstation. Die schweren Fälle bleiben im Krankenhaus. Die anderen werden an den Bereitschaftsdienst der Kassenärzte vermittelt oder an Praxen in der Nähe. Bis Ende der Legislaturperiode soll diese Organisationsform flächendeckend in Hessen eingeführt sein.

Oft sind’s keine Notfälle

Laut einer Forsa-Umfrage im Auftrag der TK suchte jeder dritte Hesse in den vergangenen drei Jahren mindestens einmal außerhalb der normalen Sprechstundenzeiten die Notaufnahme einer Klinik auf. In 43 Prozent der Fälle habe es sich nicht um einen tatsächlichen Notfall gehandelt. In einer klassischen Notaufnahme entscheidet die Dringlichkeit einer Erkrankung darüber, in welcher Reihenfolge die Patienten behandelt werden. Wer nicht ernsthaft und akut erkrankt ist, muss oft stundenlang warten.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Einfacher für die Patienten

Ungeduldige Patienten machten den Mitarbeitern in der Notaufnahme zunehmend das Leben schwer, sagt Barbara Voß, Leiterin der TK-Landesvertretung. Dann komme es zu den in der Studie dargestellten Handgreiflichkeiten. Den meisten Patienten sei unklar, wer für sie außerhalb der üblichen Praxisöffnungszeiten zuständig ist. Der Ärztliche Notdienst, die Notaufnahmen der Kliniken und der Rettungsdienst arbeiteteten parallel und wenig verzahnt miteinander, kritisiert Voß.

Der Vize-Vorstandsvorsitzenden der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Hessen, Eckhard Starke, freut sich, dass das von der KV initiierte Modellprojekt in Höchst im Koalitionsvertrag zu finden ist. „Die beiden Sektoren ambulant und stationär arbeiten hier mustergültig Hand in Hand.“ Ein gemeinsamer Anmeldetresen sei allerdings nur an jenen Kliniken realisierbar, wo eine Bereitschaftsdienstzentrale notwendig ist und sich Praxen bereit erklären, Patienten zu übernehmen. Skeptisch mache ihn allerdings, dass „viele Kliniken“ die Bereitschaftsdienstzentrale in ihrem eigenen Haus nicht ausreichend nutzten, so Starke. 

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