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„Folterähnliche Brutalität“: Prozess um Tierquäler in der Wetterau geht in Berufungsverhandlung

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Der Angeklagte mit Verteidiger Jürgen Häller vor dem Amtsgericht Friedberg im Juli 2022. CZERNEK © Barbara Czernek

In einem Prozess um grausame Tierquälerei in der Wetterau ist ein Urteil gefallen. Die Verteidigung kündigte Berufung an. Die neue Verhandlung beginnt.

Friedberg/Ober-Mörlen - Im Juli 2022 ist das Urteil gegen den Igelquäler aus Ober-Mörlen (Wetteraukreis) gefallen. Das Gericht verhängte fast drei Jahre Haft. Gutachter stellten beim Verurteilten volle Schuldfähigkeit, aber auch eine Persönlichkeitsstörung und hohe Brutalität in seinem Handeln fest. Der 36-Jährige hat Berufung eingelegt. Ab heute wird erneut verhandelt.

Es ist ein Fall, der in der Wetterau in den Jahren 2020 und 2021 für Entsetzen gesorgt hat: Ein 36-Jähriger aus Ober-Mörlen quälte und tötete Igel, aber auch Kaninchen und mutmaßlich Katzen. Er entsorgte die Kadaver an öffentlichen Plätzen. Vergangenes Jahr im Juli verkündete das Friedberger Amtsgericht den Urteilsspruch: zwei Jahre und zehn Monate Gefängnis. Zudem wird ihm lebenslänglich die Haltung von Tieren untersagt. Wenig später entschied sich der Tierquäler für die Berufung. Der Prozess dazu beginnt heute vor dem Landgericht Gießen.

Wetterau: Tierquäler folterte und tötete Igel und Kaninchen - Täter gesteht vor Gericht

Aus Lebensfrust, wegen einer gescheiterter Beziehung und Drogenkonsum begründete der seit 2015 erwerbslose Wetterauer seine Taten. Das Gericht folgte der Beurteilung eines psychiatrischen Gutachters. Dieser sah im Handeln des 36-Jährigen sadistisches Vorgehen eines voll schuldfähigen Erwachsenen mit einer starken Persönlichkeitsstörung. Der zuständige Richter, Markus Bange, fand im Juli 2022 bei der Urteilsverkündung dazu klare Worte: „Sie haben eine Folterkammer für Igel gebaut.“

Zwei Jahre und zehn Monate Gefängnis lautete das Urteil für den Mann, der mindestens 25 bis 30 Igel und zwei Kaninchen gefangen, gequält und getötet haben soll. Nach der Durchsuchung seiner Wohnung im August 2021 in Ober-Mörlen fand die Polizei neben leblosen Tierkörpern auch noch zwei lebende und traumatisierte Tiere. Die Ermittler fanden einen toten weiblichen Igel am eigenen Fell aufgehängt über einer Wasserschüssel, in der zwei weitere Weibchen um ihr Leben schwammen. Der Tierquäler ließ zudem Tiere in seiner Duschwanne verhungern. Auch verweste Kaninchenkadaver fand die Polizei in seiner zugemüllten Wohnung. Die beiden überlebenden Igel wurden nach der Durchsuchung in ein neues Zuhause bei Tierschützern übergeben. Der Mann wurde zwar damals verhaftet, kam aber wenig später wieder frei. Er musste sich Monate später vor dem Amtsgericht Friedberg verantworten - dort gab er sich am Tag der Urteilsverkündung geständig.

WEITERE TOTE TIERE NACH URTEILSSPRUCH

Am Ufer der Usa wurde im Juli 2022 nach dem Urteil ein Eimer aufgefunden, in dem sich mindestens zwei weitere tote Igel befanden, teilten Polizei und Staatsanwaltschaft mit.

Die Wohnung eines Mannes wurde daraufhin von den Behörden durchsucht. Ob es sich um die Wohnung des verurteilten Tierquälers handelt, wollten die Behörden zunächst nicht kommentieren. Ein Ermittlungsverfahren wurde dazu eingeleitet. Die bereits verwesenden Kadaver wurden zur weiteren Untersuchung an die Pathologie Gießen übergeben. Zudem untersuchten Kriminaltechniker das Behältnis auf Spuren.

Auch in einem Garten nahe des Friedhofs in Friedberg-Fauerbach war ein malträtierter Igel entdeckt worden. zy

Gefesselte Läufe, Verbrennungen, Knochenbrüche: Tiere in Wetterau auf grausame Weise gequält

Bereits früh im Prozess sprach die veterinärmedizinische Gutachterin Dr. Evelin Jugl von „folterähnlicher Brutalität“ an den Tieren - sie sei bisher beispiellos in ihrer beruflichen Laufbahn gewesen. Die toten Tierkörper wurden immer wieder von Passanten an öffentlichen Plätzen gefunden. Sie waren in Plastiktüten oder Koffern verpackt oder in Eimern gestapelt. An ihren Körpern zeigten sich gefesselte Läufe, Verbrennungen und Knochenbrüche. Ihr Mörder konnte durch DNS-Spuren auf von ihm getragenen Socken identifiziert werden. Sie wurden in einer der Plastiktüten gefunden, die der Mann zur Entsorgung der Tierkadaver nutzte.

Bereits vor dem Prozess 2022 war der 36-Jährige für die Justiz kein unbeschriebenes Blatt. Immer wieder kam er im Rahmen von Kleinkriminalität und Beschaffungsdelikten mit dem Gesetz in Konflikt, allerdings nie im Zusammenhang mit Tierquälerei. In der Berufungsverhandlung könnte es für den Angeklagten nicht nur um die Dauer der Strafe gehen. Die Berufung umfasst den gesamten prozessrelevanten Sachverhalt. (red)

Das Amtsgericht Friedberg wurde im vergangenen Jahr von einem Reichsbürger-Fall erschüttert.

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