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Achim Freyer, Meisterschüler Bert Brechts, entwirft auch das Bühnenbild selbst.

Staatstheater Wiesbaden

"Oper ist gewaltig, aber sollte nie überwältigen"

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Achim Freyer, Altmeister der spektakulären Bühnenregie, ist in Wiesbaden zu Gast, um am Staatstheater Regie und Ausstattung des Händel-Oratoriums "Jephtha" vorzustellen.

Anrührend ruhig“ sei diese Inszenierung gewesen, „deren Bilder lange im Gedächtnis haften werden“, das schrieb die Zeitschrift Opernwelt 2004 nach der Premiere der Händel-Oper „Ariodante“, für die der damals 70-jährige Achim Freyer von der Oper Frankfurt eingeladen worden war. Man sah in einer Treppenlandschaft nur die Oberkörper der Sängerinnen und Sänger, die baumelnden Beine waren Puppenbeine, was den Gesamteindruck eines statischen Puppenbarocktheaters ergab, ebenso bezaubernd wie irritierend.

Vierzehn Jahre ist Achim Freyers letzter Ausflug ins Rhein-Main-Gebiet jetzt her, schon damals war er ein Altmeister, jetzt gilt das erst recht. Dem Staatstheater Wiesbaden ist es gelungen, den Regisseur, Bühnenbildner und Maler nun erneut in die Region zu locken – mit dem Angebot, wieder seine Kunst in den Dienst des Barockmeisters Georg Friedrich Händel zu stellen.

Diesmal geht es um „Jephtha“, ein Oratorium, keine Oper, also nicht für die szenische Umsetzung komponiert. Aber der 1934 in Berlin geborene Freyer, der Meisterschüler von Bertolt Brecht am Berliner Ensemble war, ist ja ohnehin kein Regisseur, bei dem die möglichst deutliche Herausarbeitung der Handlung im Vordergrund steht. Gerne widmet er sich daher auch Werken abseits des Opernführers – etwa Oratorien und Passionen, gerne aus der Barockzeit.

Vor 33 Jahren brachte er Händels „Messias“ auf die Bühne, kürzlich erst Emilio de‘ Cavalieris „Rappresentatione di anima e di corpo“. Oder auch Bachs h-Moll-Messe, sie war „ein wichtiges Anliegen“, wie er jetzt betont. Denn: „Dort gibt es Dinge, die auch in großen Opernwerken zu entdecken sind. Musik ist sicher für mich die Hauptentscheidung für ein Werk, denn ich kann mit dieser hochkünstlichen und künstlerischen Sprache und mit meinen inszenatorischen Mitteln diese Anliegen verkörpern und weiterdichten.“

Die Handlung, sagt Achim Freyer, sei in einem Oratorium wie „Jephtha“ episch erzählbar, „aber gegenüber den Geheimnissen der Form, der Zustandsbeschreibungen und der irrationalen Bewegung der Figuren sekundärer Bestandteil. Ich muss auf der Bühne nichts zeigen, was die Musik zeigt, denn damit würde ich sie zur Dienerin trivialer Alltagsimitationen machen, und ich würde so den archetypischen, antiken Ursprung, der der Oper und dem Musiktheater nahe ist, verraten.“

Der „Messias“ von 1985 – laut FR ein „hoch ästhetisiertes Weihespiel“ in „exzessiver Bildpracht“ – stellte die gleiche Frage an Achim Freyer wie das Wiesbadener „Jephtha“-Oratorium jetzt: Wie umgehen mit dem Chor? „Im ‚Messias‘ war der Chor wie in ‚Jephtha‘ eine Hauptfigur. Ich erinnere mich an die mühevolle Choreographie des Chores zu einem Hakenkreuz und zu einem Kreisgang mit genau ausgearbeiteten Abständen und Dynamisierungen. In Wiesbaden wird in einer glückhaften Konstellation die Arbeit mit Chor, Solisten, Technikern, Werkstätten ein ebenso unvergleichbares Ereignis möglich werden. Ein Ereignis, das in den künstlerischen Sprachen Seele und Geist, Augen und Ohren in uns prägen wird. Darum machen wir Kunst!“

Als bildgewaltig, als exzessiv, als spektakulär werden Freyer-Inszenierungen gerne beschrieben. Will der Theatermann überwältigen? Kein gut gewählter Begriff: „Überwältigende Gewalt ist zwiespältig“, antwortet er dazu. „Naturgewalten sind gewaltigen Werken der Menschheit verwandt. Natürlich ist Oper, gut gemacht, gewaltig, aber sollte nie überwältigend sein – denn das hieße ja, als Zuschauer ohne eigene Stellungnahme Konsument und passiver Voyeur zu bleiben.“

Ja, die Antworten des Achim Freyer sind meist überhöht wie seine Bildsprache. Einfaches Ja oder Nein gibt es nicht, so wie es kein reduziertes Schwarz oder Weiß auf seinen Bühnen gibt. Bezogen auf die Ankündigung des Staatstheaters Wiesbaden, es werde eine „spektakuläre, von ihm selbst entworfene und gemalte Ausstattung“ zu erleben sein, eine einfache letzte Frage an Achim Freyer: Wird der Maler Achim Freyer bei dieser Produktion stärker zu Wort beziehungsweise Bild kommen als bei früheren Theaterarbeiten?

Antwort: „Der Künstler hat seine Mittel zu sprechen zur Verfügung und setzt sich mit ihnen dem Werk gegenüber zur Wehr, um ihm gleichzeitig zu dienen und um sich selbst zu erklären. Lassen Sie sich überraschen, es lohnt sich.“ Immerhin, der letzte Satz konkret auf den Punkt.

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