Im Gepäck Lieder aus aller Welt: Gabriele Kentrups Programm "Ich bin ein Migrant".
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Im Gepäck Lieder aus aller Welt: Gabriele Kentrups Programm "Ich bin ein Migrant".

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Gabriele Kentrup singt Heimatlieder

  • Meike Kolodziejczyk
    vonMeike Kolodziejczyk
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Ob Chanson, Schlager oder arabisches Volkslied: Die Sängerin Gabriele Kentrup präsentiert Musik und Anekdoten aus vielen Ländern und Jahrzehnten.

Wenn Gabriele Kentrup spricht, lässt das Timbre ihrer Stimme bereits erahnen, wie es wohl klingt, wenn sie singt. Tief, warm, ein Hauch rauchig. „Claire Waldoff“, sagt sie, „das war ein selbstbewusstes Weib, das ein bisschen aus der Rolle gefallen ist“. Eine für ihre Gassenhauer berüchtigte Kabarettistin und Sängerin, die den Männern gezeigt habe, wo es langging. Damals, im Berlin der Goldenen Zwanziger.

Im Frankfurt der 2010er Jahre bringt Gabriele Kentrup mit ihrer Stimme etwas Witz und Farbglanz aufs Parkett. „Die Zwanziger Jahre waren eine Aufbruchszeit, eine sehr kreative Zeit“, sagt sie. „Wirtschaftlich ging es zwar bergab, aber kulturell waren es unglaublich reiche Jahre.“ Die Liedtexte seien sehr intelligent und sprachlich tiefgründig gewesen. Ob Claire Waldoff, Marlene Dietrich, Kurt Tucholsky oder Bertolt Brecht: Viele ihrer Bühnenprogramme, die sich die in Frankfurt lebende Sängerin in den vergangenen zwei Jahrzehnten erarbeitet hat, huldigen dieser Zeit, ihrem Stil, ihrer Musik, ihren Texten, ihren Helden und Heldinnen.

„Auf ins Metropol!“ zum Beispiel. Der Titel ist eine Reminiszenz an das gleichnamige weltberühmte Operetten- und Revue-Theater in Berlin. Im Fokus des Programms stehen Schlager und Chansons jüdischer Komponisten. „Die Musik und das Kulturleben der zwanziger Jahre war sehr stark von jüdischen Komponisten und Autoren geprägt“, sagt Gabriele Kentrup. Dabei wüssten heute viele gar nicht, dass Stücke wie „Ein Freund, ein guter Freund“ oder „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ aus der Feder jüdischer Künstler stammen, von Werner Richard Heymann und Robert Gilbert das erste, von Friedrich Hollaender das zweite.
Am morgigen Freitag heißt es im Frankfurter Gallus Theater „Auf ins Metropol!“.

Glücklicherweise, muss man sagen, denn es sah eine Woche zuvor noch so aus, als platze der Auftritt. Die Pianistin, die Gabriele Kentrup eigentlich begleiten sollte, musste wegen eines gebrochenen Arms kurzfristig absagen. Sie habe mehrere andere Pianisten gefragt, ob sie einspringen könnten, sagt Gabriele Kentrup, doch zunächst leider vergeblich. „Nicht jeder klassische Pianist kann auch Chansons spielen“. Oder sich das Repertoire in wenigen Tagen draufschaffen. Sie wollte schon den Ausfall des Auftritts melden, da sagte doch noch ein Musiker zu: Gerhard Schaubach wird nun zu Rudolf Nelson und Kurt Tucholsky, zu Paul Abraham und Robert Gilbert, zu Kurt Weill und Hans May Klavier spielen. Zwischen den Stücken erzählt Gabriele Kentrup jüdische Witze sowie ernste Anekdoten über die Komponisten und ihre Zeit. „Grundsätzlich geht es mir darum, Unterhaltung mit ein wenig Tiefgang zu verbinden.“

So beschäftigen sich die Programme von Gabriele Kentrup nicht nur mit den Zwanziger Jahren, sondern auch mit dem Hier und Heute. Von ihrem neuesten Programm „Ich bin ein Migrant“ könnte man sogar sagen, dass es so aktuell wie zeitlos ist. Sie bezeichnet es als ihr „anspruchvollstes“ Programm, „auch, weil ich dafür viele Fremdsprachen lernen musste: Arabisch, Chinesisch, Dari, Tamil, Tigrinya“. Idee und Konzept des Projekts: Sie hat Migranten aus verschiedenen Ländern und mit unterschiedlichen Migrationsgründen gebeten, ihr ein Lieblingslied aus ihrer Heimat zu nennen – und es ihr beizubringen. „Sie haben mir dieses große Geschenk gemacht.“ Am 9. November präsentiert sie es im Club Voltaire, mit Britta Elschner am Klavier.

Während Gabriele Kentrup im ersten Teil von „Ich bin ein Migrant“ – Untertitel: „Lieder über Menschen unterwegs, gestern und heute“ – elf Stücke singt, mit denen sie einen „Blick zurück“ in die Vergangenheit von Wandern und Reisen, Flucht und Verfolgung wirft, präsentiert sie im zweiten Teil des Programms „the favourite song of“ Charles aus Sri Lanka, Kaprel aus der Türkei, Li aus China, Safa aus Syrien, Daniel aus Eritrea, Peter aus Chile sowie Lieder von fünf weiteren Migranten aus weiteren Ländern. Sie alle haben Gabriele Kentrup, die selbst aus Münster stammt und nach dem Studium in den Achtziger Jahren nach Frankfurt gezogen ist, auch die Geschichte zum jeweiligen Lieblingslied erzählt. Ihre Geschichte. Bevor Gabriele Kentrup die Stücke singt, spielt sie zu jedem eine Aufnahme ab, auf der die elf Frauen und Männer sich und ihren Song vorstellen.

Welches dieser Lieder ihr persönlich am besten gefalle, kann die Sängerin, die hauptberuflich als Übersetzerin arbeitet, nicht sagen. Besonders berührt habe sie „Sarzamine Man“, „Meine Heimat“, ein populäres Stück aus Afghanistan, in dem es sinngemäß heiße: „Ich wandere von Haus zu Haus, die Trauer ist mein ewiger Begleiter.“

Ein anderer Begleiter wird derweil im Beitrag einer Deutschen besungen, die in Norwegen lebt. Sie hat sich „Der Mond ist aufgegangen“ ausgesucht. Gabriele Kentrup hat das Lied quasi als Fazit ans Ende von „Ich bin ein Migrant“ gesetzt. „Denn der Mond ist überall zu Hause.“

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