Interview

Beim Online-Glücksspiel gibt es keine soziale Kontrolle mehr

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Expertin Senger-Hoffmann über das Suchtrisiko und die Lobbyarbeit der Glücksspielindustrie

Daniela Senger-Hoffmann (57) ist Diplom-Pädagogin, Bereich Erziehungswissenschaften. Sie arbeitet in der Hessischen Landesstelle für Suchtfragen in Frankfurt. Seit zwölf Jahren koordiniert sie die 15 Fachberatungen für Glücksspielsucht in Hessen. Diese zählten im Jahr 2018 rund 1300 Klientinnen und Klienten.

Frau Senger-Hoffmann, Wettbüros sieht man überall. Ändert sich daran etwas durch den im Januar in Kraft getretenen dritten Glücksspieländerungsstaatsvertrag ?
Mit Sicherheit. In dem vorangegangenen Staatsvertrag gab es eine Kontingentierung für Sportwettanbieter. Diese ist weggefallen, so dass auch in Hessen mehr Sportwettannahmestellen als bisher zu erwarten sind. Es gibt keine Regelung zu Mindestabständen untereinander oder zu Kinder- und Jugendeinrichtungen. Jeder, der ein Gewerbe anmeldet, kann jetzt ein Sportwettbüro eröffnen. Es ist nur noch von einer „angemessenen Anzahl“ die Rede.

Warum ist das Suchtpotenzial bei Sportwetten denn so hoch?
Die Kombination von Verfügbarkeit und schneller Spielabfolge erhöht die Gefahr von Sportwetten besonders. Die Risikogruppen sind Männer unter 25 Jahren mit niedrigem Bildungsstatus, ein Migrationshintergrund ist häufig. Die Spieler geben ihre Tipps ab, auch noch während des Spiels, und bekommen schnell das Ergebnis. Wie beim Spielautomaten geht das im Sekundentakt. Das spricht einen unheimlich an, weil es Aufregung bedeutet, den Adrenalinspiegel nach oben treibt. Wenn ich einmal in der Woche Lotto spiele, ist das nicht so.

Im nächsten Schritt soll ab Frühjahr 2021 das Online-Glücksspiel erlaubt werden. Was heißt das für die Suchtberatung?
Der Fokus liegt auf der Liberalisierung und nicht mehr auf der Frage, wie wir Menschen vor der Suchtgefahr schützen. Online-Glücksspielen kann man rund um die Uhr. Es gibt überhaupt keine soziale Kontrolle mehr. Es gibt keine Sperrzeiten wie im hessischen Spielhallengesetz. Mehr Menschen werden die Angebote wahrnehmen, denn man kann sie überall auch auf mobilen Endgeräten spielen.

Adressen von Beratungsstellen gibt es unter www.hls-online.org, die bundesweite Hotline Anonyme Spieler hat die kostenpflichtige Nummer 01805 /104011, www.anonyme.spieler.org, das Infotelefon der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zur Glücksspielsucht ist erreichbar unter der kostenlosen Nummer 0800 / 1372700.

Wie sehen aktuell die Sperrzeiten aus?
An Weihnachten und anderen bestimmten Feiertagen darf nicht oder nur eingeschränkt gespielt werden. Von vier Uhr an muss mindestens sechs Stunden zu sein. Das haben wir bei den Online-Glücksspielen nicht. Das heißt, auf die Bundesrepublik kommt vermutlich eine Klagewelle zu, weil die terrestrischen Angebote einen Wettbewerbsnachteil befürchten.

Also ein Rückschritt für den Schutz der Bevölkerung?
Kein Rückschritt, sondern ein zusätzliches Angebot zu den bestehenden Glücksspielen. Die Verfügbarkeit, die schnelle Spielabfolge wird noch mal potenziert. Und das trotz der Erkenntnis, dass das schnell abhängig macht. Da kann man nur den Kopf schütteln.

Aber es gibt die Online-Glücksspiele doch auch jetzt schon. Ist es nicht besser, wenn sie nun reguliert werden?
Das stimmt. Es ist besser, wenn der Staat Zugriffsmöglichkeiten hat, Spieler- und Jugendschutzmaßnahmen durchzusetzen. Doch ich kann ein noch so gutes Gesetz schreiben – wenn nicht zeitnah und regelmäßig kontrolliert wird, ob die Regularien eingehalten werden, brauche ich sie nicht.

Wer füllt eigentlich die Kassen der Glücksspielanbietenden ?
Es gibt eine wissenschaftliche Analyse, wonach 70 Prozent der Umsätze von 15 Prozent der Spielenden kommt. Die Intensivspielenden bringen das Geld, nicht die Freizeitspielerinnen und -spieler, wie die Automatenwirtschaft immer behauptet. Würden die Anbieter tatsächlich die Präventionsmaßnahmen einhalten, müssten sie problematische und abhängige Menschen des Ortes verweisen. Ein Unternehmer will Geld verdienen. Da wird er seine besten Kunden nicht davon abhalten, das Produkt zu nutzen. Das ist politisch brisant, da ist viel Lobbyarbeit seitens der Glücksspielindustrie, die mit Politikern sehr engen Kontakt hat. Wir von der Suchthilfe spüren da starken Gegenwind.

Wie lauten Ihre wichtigsten Forderungen?
Zeitnahe regelmäßige Kontrollen der Spieler- und Jugendschutzmaßnahmen. Dazu gehören Testspiele mit Minderjährigen. Ein Werbeverbot, Sperrzeiten und die gleichen Regularien für terrestrische wie Onlineangebote. Auch kann es nicht sein, dass bei der Evaluierung des vierten Staatsvertrags die virtuellen Automatenspiele ausgeklammert sind. Neben den Sportwetten sind sie das gefährlichste Angebot. 80 Prozent der Klientinnen und Klienten in unseren Fachberatungen sind von Geldspielautomaten abhängig.

Interview: Jutta Rippegather

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