Gastbeitrag

Beim Ankommen unterstützen

Von Timmo Scherenberg, Geschäftsführer des Hessischen Flüchtlingsrats.

Hessen, willst du so weitermachen wie bisher? Es den Menschen, die zu uns kommen, möglichst schwer machen? Sie – frei nach Zille – mit einer Unterkunft erschlagen wie mit einer Axt, indem du sie über Monate, über Jahre in Gemeinschaftsunterkünften verwahrst? Wo Hunderte Menschen auf engstem Raum leben müssen, unter prekärsten Bedingungen, ohne Abstand, ohne Privatsphäre? Und woran liegt es, dass du im bundesweiten Vergleich bei der dezentralen Unterbringung ganz hinten liegst? Ist das Absicht?

Aus Fehlern wird man klug, heißt es. Was die Flüchtlingsintegration anbelangt, scheint das nicht zu gelten. Die Konzepte der 80er und 90er Jahre, die damals schon nicht funktioniert haben, sind in den letzten Jahren alle wieder ausgepackt worden. Lagerunterbringung, Arbeitsverbote, Desintegrationspolitik. Erziehung zur Unmündigkeit, denn nichts anderes ist es, einen Menschen über Jahre so unterzubringen, dass ihm jeder Antrieb abhandenkommt. Und dann am Ende einzusehen, dass man jetzt mit ganz viel Sozialarbeit versuchen muss, die sozialen Verwerfungen zu glätten, die man selbst erzeugt hat.

Hessen, was wird aus dir? Willst du weiter diejenigen, die seit vielen Jahren hier leben, aus ihrem gewohnten Umfeld reißen? Willst du weiterhin Familien auseinanderreißen, Menschen ins Nichts schicken? Mehr abschieben? Wohlwissend, dass die Abschiebepolitik – allen markigen Worten der Innenpolitiker zum Trotz – gescheitert ist? Dass sie nur dazu führt, dass Menschen jahrelang in Ungewissheit über ihre Zukunft leben und dadurch nie richtig ankommen können? Aber zum Glück gibt es auch das andere Hessen. Das solidarische Hessen. Die vielen Menschen, die sich einsetzen für diejenigen, die neu angekommen sind und auch für diejenigen, die andernorts in Not sind und hoffen, dass sie hier aufgenommen werden. Die sich nicht haben entmutigen lassen von den vielen Gesetzesverschärfungen der letzten Jahre und von dem rauer gewordenen gesellschaftlichen Klima. Die jeden Tag aufs Neue den Kampf gegen die Windmühlen der Bürokratie aufnehmen und versuchen, der Ausgrenzung ein bisschen Menschlichkeit entgegenzusetzen. Und natürlich die vielen, die es allen Widrigkeiten zum Trotz geschafft haben, hier ein neues Leben zu beginnen. Hessen, was wird aus dir? Zumindest besteht noch Hoffnung.

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