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Ferdinand Gerlach will das Ruder herumreißen. Er weiß, dass Hausärzte glückliche Menschen sind.
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Ferdinand Gerlach will das Ruder herumreißen. Er weiß, dass Hausärzte glückliche Menschen sind.

Medizin-Studenten

"Bei den Hausärzten fehlt der Nachwuchs"

  • Friederike Tinnappel
    VonFriederike Tinnappel
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Auch in Frankfurt drohe teils ein Mangel bei der medizinischen Versorgung, warnt der Medizin-Professor Ferdinand M. Gerlach. Warum wollen so wenige Mediziner Hausarzt werden? Ein Gespräch.

Jeder Mensch sollte einen Hausarzt haben, findet der Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin an der Goethe-Uni, Ferdinand Gerlach. Allerdings dürfte es in den nächsten Jahren immer schwieriger werden, einen Arzt zu finden. Vor allem auf dem Land, aber auch in manchen Stadtteilen in Frankfurt, in denen ärmere Menschen wohnen, könnte es zu Engpässen kommen.

Herr Gerlach, ist die Grippewelle, die ja gerade auch für die Hausärzte eine große Herausforderung war, vorbei?
Sie klingt ab. Die meisten Patienten dürften sie jetzt überstanden haben.

Wie hat die ärztliche Versorgung geklappt?
Soweit ich das beurteilen kann, haben gerade die Hausärztinnen und Hausärzte eine sehr gute Arbeit geleistet.

Gibt es in Frankfurt und der Region genügend Hausärzte?
In Frankfurt noch. In der Region zum Teil bereits zu wenige. Im Vogelsberg und im Hintertaunus geht es schon in Richtung Unterversorgung. Diesen Trend gibt es auch in den ärmeren Stadtteilen von Frankfurt.

Und wie wird es in Zukunft aussehen?
Derzeit absolvieren nur halb so viele die Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin, wie wir zukünftig benötigen. Viele Hausärzte werden in den nächsten zehn Jahren in den Ruhestand gehen und es fehlt der Nachwuchs.

Woran liegt das?
Da gibt es mehrere Gründe: Viele Ärzte sind dort, wo wir sie am wenigsten benötigen, nämlich in überversorgten Stadtvierteln mit einer wohlhabenden Bevölkerung. Wir haben auch eine Fehlverteilung nach Fachgruppen. Zur Zeit werden 90 Prozent der Ärzte Spezialisten und nur zehn Prozent Generalisten, also Allgemeinmediziner.

Warum ist der Hausarztberuf im Vergleich zu anderen Fachrichtungen so unbeliebt?
Das beginnt mit der Ausbildung. In den Kliniken der Maximalversorgung sehen die Studierenden eher den Spezialisten mit seiner Hightechmedizin als Vorbild.

Müssen die Studierenden nicht auch Praktika bei Hausärzten machen?
Zunehmend ja. Und die Weichen sind gestellt, dass die Ausbildung zukünftig mehr in den allgemeinmedizinischen und ambulanten Bereich verlagert wird. Auch die Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin muss attraktiver werden. Daran arbeiten wir hier in Frankfurt bereits.

Ist die Arbeit als Hausarzt vielleicht nicht so zufriedenstellend wie die zum Beispiel eines Radiologen?
Umfragen haben gezeigt, dass Hausärzte ihren Beruf als besonders befriedigend empfinden. In einem Vergleich mit anderen Berufen wurde der Hausarzt sogar als der Glücklichste ermittelt.

Und warum wollen so wenig Mediziner glücklich werden?
Ein Radiologe verdient leichter viel mehr Geld als ein Hausarzt. Wenn wir die Versorgung sicherstellen wollen, müssen die Arbeitsbedingungen verbessert werden.  

Verdienen Hausärzte zu wenig?
Sie verdienen weniger als manche Fachärzte. Aber auch Hausärzte haben ein gutes Auskommen. Das Gespräch, die Zuwendung zum Patienten, die Betreuung sollten aber im Vergleich zu technischen Leistungen besser honoriert werden.

Warum passiert das nicht?
Das hängt in erster Linie von der innerärztlichen Honorarverteilung zwischen den Fachrichtungen ab. Aber auch die politischen Rahmenbedingungen spielen eine Rolle: Alle Verantwortlichen müssen sich überlegen, wie man die hausärztliche Tätigkeit besser wertschätzt und ihr mehr Anerkennung zukommen lässt.

Wie könnte der Hausarzt der Zukunft aussehen?
Es wird nicht der Einzelkämpfer in der Landarztpraxis sein, sondern die Hausärztin in einer größeren Teampraxis – ungefähr 70 Prozent der Hausärzte werden zukünftig weiblich sein.
 
Wie wird sich das Berufsbild verändern?
Junge Ärztinnen und Ärzte wollen nicht unbedingt mehr Geld verdienen, es geht ihnen vor allem um ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Arbeit und Freizeit. Sie möchten sich nicht für eine Praxis verschulden, sondern lieber angestellt sein, oft auch als Teilzeitkraft. Und sie möchten im Team arbeiten.

Wie können diese Vorstellungen umgesetzt werden?
Wir sind dabei, Teampraxen und Gesundheitszentren zu fördern, wo verschiedene Ärzte mit medizinischen Fachangestellten und sogenannten Versorgungsassistentinnen zusammenarbeiten. Dazu gehört auch, dass eine Kinderbetreuung sichergestellt wird. Noch haben wir die Chance, durch flexible Arbeitszeiten, bessere Honorierung und Wertschätzung das Ruder herumzureißen.

Sollte jeder Mensch einen Hausarzt haben?
Ja. Bei aktuell 79 Facharztrichtungen muss es einen geben, der den Überblick behält, der die Menschen auch vor zu viel und falscher Medizin schützt und mit Augenmaß begleitet. Hausärzte sind, das hat sich immer wieder gezeigt, in Gesundheitsfragen für die Bevölkerung die wichtigste Vertrauensperson.
 
Interview: Friederike Tinnappel

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