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Behrens' vergessene Baukunst

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Von: Peter Rutkowski

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Denkmalschützer wollen das alte Gaswerk im Osthafen dem Verfall entreißen.
Denkmalschützer wollen das alte Gaswerk im Osthafen dem Verfall entreißen. © FR / Oeser

Mitten im Osthafen liegt ein Schatz. Nicht begraben, sondern erbaut - von Industriearchitekt Behrens. Nun wollen Denkmalschützer diesen Schatz, das alte Gaswerk, dem Verfall entreißen.

Wenn Hans-Günter Hallfahrt "Gaswerk Ost" hört, kommt er ins Schwärmen. Aber da ist er einer von wenigen in Frankfurt. Den meisten wird der Begriff gar nichts sagen. Dabei steht er für einen echten Schatz, einen, den allerdings keiner erkennt, obwohl er offen zutage liegt. Er findet sich an der Südseite der Schielestraße 18-30.

Mitten im Osthafengebiet - ein Schatz? Sehr wohl. Peter Behrens, einer der wichtigsten Industriearchitekten Deutschlands, bekannt in aller Welt, schuf ihn 1910. Zwei Jahre später zog dort die Gasanstalt ein und produzierte fortan Gas für Frankfurt. In aller industriellen Pracht, zur Straße hin Klinkerbauten mit Büros und Werkstätten, von West nach Ost in immer dunkleren Schattierungen, dahinter Hallen, Wasserturm, Kesselhaus in dunklem Klinker und vier metallene Flüssigkeitshochbehälter.

Als Frankfurt in den 70er Jahren auf Erdgas umstellte, wurde das Gaswerk Ost zu Geschichte. Kein Bedarf mehr, rentiert sich nicht. Die Klinkerbauten blieben. Und wurden von der Stadt unter Denkmalschutz gestellt. Das war nur korrekt, denn in den meisten Architektur-Lexika wird unter Peter Behrens auch dieses Gaswerk erwähnt: ein hervorragendes Beispiel der Industriearchitektur.

Ein Stiefkind der Stadt

Hallfahrt, seines Zeichens Denkmalpfleger der Stadt, kann da stante pede einen draufsetzen: "Inkunabeln der industriellen Baukunst", sagt er und verweist darauf, dass Behrens dort den Wandel vom Historizismus - "Fabriken als Burgen verkleidet" - hin zur Neuen Sachlichkeit vollzog. Deshalb ist das Gaswerk auch Station auf der Route der Industriekultur. Und eine Studentin aus Rom hat bei Hallfahrt im Amt vorgesprochen: Wegen ihrer Diplomarbeit über Behrens' Gaswerk. "Das ist schon bemerkenswert."

Aber damit hat es sich dann auch. "Wenn man so will, ist es schon ein Stiefkind der Stadt", meint Hallfahrt. Und Gerhard Altmeyer, Vize-Chef des Hochbauamtes, assistiert ihm: "Wenn man kein Nutzungskonzept hat, dann können auch realistisch keine Investitionen erwartet werden." Das ist die Crux. Als die Stadt das Gelände übernahm, dachte sie an einen Betriebshof der Stadtreinigung. Dann aber folgte die Konsolidierung des defizitären Haushalts Anfang der 90er. Die FES übernahm das Reinigen, das Gasgelände war wieder überflüssig. Das Liegenschaftsamt suchte und fand immer wieder zwischenzeitliche Nutzer, aber die Bauten verfielen. Den Wasserturm musste Altmeyers Amt absperren, "weil sich Bauteile zu lösen drohen". Im Haus Nummer 28 ist das Dach undicht. Darunter breiten sich 10 000 Schattierungen modrigen Grüns aus, der Boden löst sich auf. Eines der helleren, feinen Verwaltungsgebäude hat das Hochbauamt saniert für die Drogenhilfe. Für das imposante Uhren- und Reglerhaus, in dem der Große Rat der Karnevalsvereine seine Zugwagen unterstellt und dafür eine Einfahrt aus dem Mauerwerk brach, ist Geld bereitgestellt. Die Hochbauer planen mit Architekt DiWi Dreysse, einem der Väter der Industrieroute, zurzeit die Rettung des teilweise abgebrannten, von Vögeln verkoteten Denkmals. Ende des Jahres könnte die Bauausschreibung kommen.

All das bleibt jedoch Stückwerk. Liegenschaften-Chef Alfred Gangel würde gern mehr Werksgelände vermarkten, aber seit Gasanstalts-Tagen stecken immer noch Gifte im Erdreich: "Die Mainova bestreitet das nicht, sollte da auch was tun…" Aber ohne klares Nutzungskonzept, ohne Vision für eine lebendige Zukunft zwischen Hafen und Hanauer, wird der Schatz an der Schielestraße weiterschlummern. Die interessierten, auch engagierten Amtsleute können nur seufzen. Hallfahrt: "Schade, dass da keine vernünftige Nutzung reinkommt." Gangel: "Da könnte einiges passieren…"

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