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Wanderförster Gerald Klamer auf seinem Weg mit Stöcken und Rucksack durch den Naturwald im Wispertaunus.
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Wanderförster Gerald Klamer auf seinem Weg mit Stöcken und Rucksack durch den Naturwald im Wispertaunus.

Naturschutz

Begeistert vom Wald in Hessen

  • Thomas Stillbauer
    vonThomas Stillbauer
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Der wandernde Förster Gerald Klamer macht auf seiner Deutschlandtour Station im Wispertaunus. Er hat mit seiner 6000-Kilometer-Tour ein spezielles Anliegen.

Der Mann wirkt schon fast unverschämt gesund, als er am Donnerstagmorgen um die Ecke kommt. Wispertal. Nichts zu hören als das Zwitschern der Vögel und das Plätschern der Wisper. Gerald Klamer mache bis zu 100 000 Schritte am Tag, raunen einander die Inhaber von Schrittzählern zu, die einschätzen können: Das ist viel.

„Aber wissen Sie“, sagt der 54-Jährige strahlend, „wenn man’s nicht übertreibt, wird man beim Wandern fit. Dann sind, sagen wir: 30 Kilometer eigentlich nicht mehr viel.“

Jedenfalls nicht im Vergleich zu den 6000, die er sich vorgenommen hat. Einen Monat ist es her, dass der Förster seine Stelle und seine Wohnung in Marburg gekündigt, sein Auto verkauft und den größten Teil seiner Habe verschenkt hat, um aufzubrechen: einmal durch die deutschen Wälder, acht Monate auf den Beinen. Sein Projekt, auf dem grünen T-Shirt zu lesen: „Waldbegeisterung“. Sein Plan: darauf aufmerksam machen, wie schön der Wald ist – und wie ernst es um ihn steht.

Und, wie ernst? Sehr ernst. Das wisse er ja aus seinem Försterberuf, sagt Klamer. Unterwegs stelle er fest: „Es gibt Katastrophengebiete“, etwa im Siegerland und Westerwald, „in der Eifel sieht es wieder ganz gut aus“. Dagegen staunt er hier, im Wispertal, über den geringen Nadelholzanteil von geschätzt zehn Prozent. Bundesdurchschnitt: 50 Prozent. „Ich habe einen Riesenerkenntnisgewinn auf dieser Reise“, sagt der Wanderförster. „Ich lerne jeden Tag etwas Neues.“

Vor Ort trifft er am Donnerstag zwei Männer vom Naturschutzbund (Nabu): den Waldexperten Mark Harthun und den örtlichen Vorsitzenden Uwe Müller, auch Schutzgebietsbetreuer. Um Schutz geht es hier ganz besonders. Die Waldregion im Wispertaunus ist eine von nur vier in Hessen, in denen sich echte Wildnis entwickeln darf. Diese Gebiete sind aus dem Wirtschaftskreislauf herausgenommen: keine Holzernte. Was tot ist, bleibt liegen.

Für die biologische Vielfalt seien solche Zonen von überragendem Wert, sagt Harthun. Sensible und wertvolle Arten siedelten sich in Ruhe an: der Zunderschwamm, der Hunderte weitere Arten beherbergt; der Schwarzspecht, dessen Höhle bis zu 60 Nachmieter nutzen – ohne Abstandszahlung; Fledermausarten, die für ihre Sicherheit 40 verschiedene Quartiere brauchen. Erst einmal der Bewirtschaftung entzogen entwickelten diese Wildnisgebiete sehr schnell Naturwaldstrukturen, sagt Harthun. Wie schnell genau, das soll das Monitoring bald ergeben. Eine Planstelle beim Senckenberg-Institut sei in Vorbereitung.

Derweil nimmt der Druck auf die Wildnis zu. In der Pandemie strebten die Menschen in die Einsamkeit, sagt Uwe Müller, und allzu oft seien es Unerfahrene, die dann Zigaretten rauchen oder den Grill aufstellen, wo es fehl am Platz sei. „Unsere Reaktion muss es sein, nicht die Leute auszusperren, sondern mehr Naturgebiete auszuweisen“, sagt er. „Aber das ist ein harter Kampf mit der Politik und mit den Waldbesitzern“, sagt Mark Harthun. Dabei: „Immer, wenn ein neues Wildnisgebiet ausgewiesen wurde, waren alle stolz.“

Hochachtung zollen die Nabu-Leute dem Wanderförster. Der gibt sich, umschwirrt von ebenso begeisterten Schmetterlingen, fröhlich und bescheiden. Wie schwer ist der Rucksack, den er 6000 Kilometer weit schleppt? „18 Kilo, mal mehr, mal weniger, je nach Essen, das ich mitnehme.“ Darin: Schlafsack (1,6 Kilo, bis minus 15 Grad tauglich), Laptop, Powerbank, Solarmodul zum Aufladen, aber mangels Sonne muss er etwa einmal pro Woche irgendwo übernachten, wo er die Geräte laden kann. Ansonsten: „Draußen schlafen, knackig kalt, Sternenzelt.“ Das Mobiltelefon ist sein Navi. Er hat viele Termine mit Naturparks, Waldfreunden, Initiativen, aber es gibt Tage, an denen er nur läuft und fast niemanden trifft (vor allem bei schlechtem Wetter). Die beiden Stöcke, die er dabei hat, die helfen, sagt er. Geben Vortrieb, entlasten die Knie, trainieren Arme und Oberkörper.

Und wenn er fertig ist mit seiner Deutschland-Runde? Kann er in seinen Beruf zurück? „Das ist nicht der Plan“, sagt er. Erst mal wandern, dann das Projekt auswerten, ein Buch daraus machen, einen Vortrag. Sehen, was kommt. Bevor Gerald Klamer weiterwandert zum nächsten seiner 60 Anlaufpunkte, ist ihm eine Sache wichtig: „Naturwald ist einfach schön.“ Ein Lernort auch, aber vor allem: „Das ist etwas, das einen ergreift. Die emotionale Seite darf man nicht außer Acht lassen.“ So etwas Schönes, lautet seine Botschaft, muss unbedingt erhalten bleiben.

Die Tour dokumentiert Gerald Klamer auf waldbegeisterung.blogspot.com

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