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Das Tagebuch
Das Tagebuch © dpa

"Nach meinem Eindruck wird das Tagebuch der Anne Frank nach wie vor an sehr vielen Schulen gelesen", sagt Christian Wolpers, seit acht Jahren pädagogischer

Von Joachim Göres

"Nach meinem Eindruck wird das Tagebuch der Anne Frank nach wie vor an sehr vielen Schulen gelesen", sagt Christian Wolpers, seit acht Jahren pädagogischer Mitarbeiter der Gedenkstätte Bergen-Belsen. Wolpers bekommt mehr Anmeldungen zu Studientagen, bei denen Jugendliche ihr Wissen über das im KZ Bergen-Belsen gestorbene Mädchen vertiefen wollen, als Termine zur Verfügung stehen. "Wir empfehlen die Studientage für die 9. und 10 Klasse, doch jedes Jahr melden sich mehr als ein Dutzend jüngere Schulklassen an, die gerade das Tagebuch gelesen haben", sagt Wolpers.

Das war nicht immer so. Als das Tagebuch der Anne Frank 1950 erstmals auf deutsch erscheint, da liegt die Auflage bei 4500 Exemplaren, und es wird kaum zur Kenntnis genommen. Das ändert sich erst durch eine Theateraufführung, die 1956 zeitgleich in Dresden, Düsseldorf, Karlsruhe, Hamburg, Aachen, Konstanz und West-Berlin stattfindet.

Tausende von jungen Leuten zieht es in der Folge an den Ort, an dem Anne Frank einer riesigen Mordmaschinerie zum Opfer fiel. Doch sie finden an dem einstigen Ort des Grauens neben einigen Mahnmalen nur wuchernde Heide. Ein Dokumentenhaus mit einer Ausstellung zur Judenverfolgung gibt es hier erst seit 1966, ein Gedenkstein für Anne Frank wird 1999 aufgestellt.

Zensur durch BRD und DDR

Laut Wolpers wird das Tagebuch der Anne Frank seit Mitte der 60er Jahre verstärkt in westdeutschen Schulen besprochen. In der DDR ist die Auflage des Tagebuchs so gering, dass es im Unterricht wegen fehlender Exemplare nicht vollständig gelesen wird. Mancher Lehrer empfiehlt einzelnen Schülern die Lektüre für zu Hause. Ansonsten gibt es im "Unser Lesebuch" der 7. Klasse Auszüge aus dem Tagebuch vom 19., 23. und 26. Juli 1943.

Die damals 14-jährige Anne beschreibt darin Luftangriffe auf Amsterdam sowie die schwierige Versorgungslage der Untergetauchten. Von Antisemitismus und Judentum erfährt der Schüler aus diesen Stellen nichts.

Von 1968 bis 1984 sind diese Passagen im Deutsch-Buch enthalten und können im Unterricht behandelt werden. In einer Neuauflage des Schulbuchs von 1985 wird Anne Frank nicht mehr erwähnt - und spielt damit in den Schulen der DDR kaum noch eine Rolle. Statt dessen wird vor allem der kommunistische Widerstand gegen das NS-Regime gewürdigt. "Heute gibt es keine grundlegenden Unterschiede mehr zwischen Ost und West. In allen Bundesländern wird die Lektüre in den Lehrplänen empfohlen, nirgendwo ist das Tagebuch der Anne Frank Pflicht.

"Trotzdem ist der Stoff bis heute in den Schulen sehr verbreitet", sagt Thomas Heppener, Leiter des Anne-Frank-Zentrums in Berlin. Vor allem Mädchen seien sehr interessiert und hätten viele Fragen. Gerade bei jüngeren Schülern gehe es darum, fehlende Hintergrundinformationen zu liefern, ohne sie mit grausamen Bildern zu schocken, sagt Heppener.

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