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Bedrohliche Engpässe

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Der Friedberger Apotheker Bernd Ulrich hat zwar noch so einiges im Medikamentenlager, aber bei zahlreichen Arzneimitteln hat auch er mit Engpässen zu kämpfen. nici merz (2) © Nicole Merz

Wetterau - Wer derzeit in der Apotheke nach einem Medikament fragt, kann großes Pech haben. Denn viele Arzneimittel sind nicht vorrätig und werden - zumindest erst mal - auch nicht geliefert. Gibt es keinen adäquaten Ersatz, kann dies gravierende Folgen für Patienten haben. Fragt man nach den Ursachen, fallen Begriffe wie Lieferengpässe, Energiekosten, Rohstoffmangel.

Standardimpfungen für Babys und Kleinkinder, Schmerzmittel, Antiepileptika, Insuline, Blutdruckmedikamente, Antibiotika, Fiebersäfte für Kinder, Cholesterinsenker, Nasentropfen und Tabletten gegen Halsschmerzen - die Liste von Arzneimitteln, die nicht oder deutlich eingeschränkt an Apotheken geliefert werden, ist lang und hier nicht vollständig. Der Mangel kann gefährlich werden. Zum Beispiel, wenn Tamoxifen fehlt. Das Mittel soll verhindern, dass Brustkrebs zurückkommt. Monatelang konnte es nicht geliefert werden, sagt Dirk Hildebrand von der Bad Nauheimer Kur-Apotheke.

Auch Menschen mit angeborener Immunschwäche seien von Lieferproblemen betroffen. Weil ihr Abwehrsystem nicht richtig funktioniere, seien sie auf Präparate mit bestimmten Antikörpern - Immunglobuline - angewiesen. „Der in Deutschland letzte verbliebene Hersteller dieser Präparate hat den Verkauf seines Medikaments Cutaquig mit der Begründung eingestellt, die Produktionskosten seien mittlerweile höher als die von den Krankenkassen gezahlten Preise“, sagt Hildebrand. „Patienten und Patientinnen drohen ohne das Medikament gehäufte und schwere Infekte.“

Damit ist er bei einem Thema, das auch seinen Kollegen Bernd Ulrich, Inhaber der Liebig-Apotheke in Friedberg, verärgert. Er wirft den Krankenkassen vor, durch Rabattverträge enormen Druck auf Medikamentenhersteller auszuüben. Verschreibungspflichtige Medikamente sind preisgebunden. Die Einnahmen bleiben also je Produkt gleich, die Ausgaben steigen in Anbetracht der höheren Energiekosten bei der Herstellung. Außerdem hat die Pandemie Nachteile globaler Lieferketten aufgezeigt. Ulrich und Hildebrand verweisen darauf, dass China der größte Rohstofflieferant und Indien der bedeu-tendste Arzneimittel-Exporteur seien. Bleibt in China ein Schiff im Hafen, kann es sein, dass der Apotheken-Kunde in Friedberg und Bad Nauheim unverrichteter Dinge nach Hause gehen muss. Wobei es in vielen Fällen Alternativen zum anvisierten Medikament gibt (siehe Info-Kasten auf dieser Seite).

Dass es bei rezeptpflichtigen Medikamenten zu Verzögerungen komme, sei schon länger bekannt, sagt Hildebrand. Neu sei der Mangel an frei verkäuflichen Arzneimitteln wie Aspirin Complex, ACC oder Wick Medinait. „Das zeigt, wie sehr sich die Lage zuspitzt“, sagt Hildebrand und nennt als großes Problem den Mangel an Kinderfiebersäften.

ALTERNATIVEN

Wenn man auf der Website des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (bfarm.de) auf Arzneimittel und dann auf Lieferengpässe klickt, bekommt man aufschlussreiche Informationen, und mit wenigen weiteren Klicks landet man bei einer Liste mit Medikamenten, bei denen es Lieferengpässe gibt.

Ist ein Medikament nicht verfügbar, versuchen er und sein Team, Alternativen aufzuzeigen - gerade wenn es um Kinder gehe, sagt Bernd Ulrich von der Friedberger Liebig-Apotheke. Außerdem würden die Apotheken in der Region Kunden zu einer anderen Apotheke schicken, wenn sie wüssten, dass dort das gewünschte Medikament vorhanden sei. „In den meisten Fällen gibt es Alternativen für die Patienten, es ist aber mit langwierigen Recherchen verbunden“, sagt sein Bad Nauheimer Kollege Dirk Hildebrand (Kur-Apotheke).

Apotheken können bestimmte Produkte auch selbst herstellen - zum Beispiel Kinderfiebersäfte. Viele Apotheken hätten damit begonnen. „Das ist aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein, kann das Problem nicht lösen“, sagt Hildebrand. Auch seine Kur-Apotheke habe damit begonnen, irgendwann aber habe es die Wirkstoffe nicht mehr gegeben. Apotheken seien fast nur noch am Improvisieren, es gebe viel Bürokratie, dadurch dauere die Rezeptbearbeitung länger. Man müsse die Patienten intensiver beraten - zum Beispiel, um Medikationsfehler zu vermeiden, wenn man ein anderes als das sonst gewohnte Arzneimittel einnehme. agl

„Es ist eine Mangelverwaltung, die wir mittlerweile machen“, sagt Ulrich. Die Liste der nicht verfügbaren Medikamente verändere sich, man müsse jeden Tag neu schauen, wo es was gebe. „Wir waren mal die Apotheke der Welt in Deutschland“, sagt Ulrich und meint nicht nur die Erfindungen, sondern auch die Produktion.

Lieferengpässe seien „ein gravierendes und stetig steigendes Problem“, beklagt Hildebrand. Gibt es Licht am Ende des Tunnels? „Das sehe ich jetzt ehrlich gesagt nicht.“ Der Preisdruck werde noch steigen, deshalb werde es keine Produktionsverlagerung nach Deutschland geben. Selbst wenn doch: Ein solcher Prozess würde mehrere Jahre dauern.

Ein weiterer Faktor seien die Kontingentartikel: Das heißt, dass ein Unternehmen nur eine begrenzte Zahl an Produkten an Großhändler verkaufe, ansonsten den direkten Weg zu Apotheken suche. Dieser direkte Handel dauere länger, sagt Hildebrand. Und der Hersteller verkaufe lieber im Ausland, weil er da mehr verdienen könne. Solche Freiheiten würden sich Hersteller vor allem dann herausnehmen, wenn das Patent noch nicht abgelaufen sei, es noch keine Generika gebe und der Hersteller somit über die entsprechende Marktmacht verfüge.

Ulrich nennt noch zwei ganz andere Faktoren, die zu Engpässen beitragen: Wenn mit einer Maschine beispielsweise Schmerzmittel hergestellt werden und man damit gerne ein anderes Medikament produzieren wollte, dann wäre das gar nicht von jetzt auf gleich möglich. Bis die Maschine für das andere Medikament eingerichtet und so gereinigt sei, dass es keine Rückstände gebe, dauere es bis zu zwei Monate. Der andere Faktor betrifft die Verpackung, genauer: das Medizinglas. Zwar gebe es noch einen europäischen Hersteller von Fiebersäften für Kinder, der in Deutschland produziere. Aber zwei Unternehmen, die das notwendige Medizinglas herstellen, seien insolvent. Deshalb sei man auf einen Produzenten aus Frankreich angewiesen, und der liefere erst mal innerhalb Frankreichs.

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Auch der Bad Nauheimer Apotheker Dirk Hildebrand sieht sich mit Lieferengpässen konfrontiert. © Red

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