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Baumdoktoren mit 16 300 Patienten

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Baumdoktor Boris Heinrich prüft mit einem Resistograph, wie morsch der Baum ist. priedemuth
Baumdoktor Boris Heinrich prüft mit einem Resistograph, wie morsch der Baum ist. priedemuth © Jens Priedemuth

Mehr als die Hälfte der Stadtbäume ist stark geschädigt

BAD HOMBURG - Rund 16 300 Bäume stehen auf öffentlichen Flächen im Stadtgebiet. So viele Exemplare sind im Baumkataster der Stadt eingetragen. Jeder Baum hat seine eigene Nummer, digitale Karteikarten geben Auskunft über Standort, Gattung und Sorte, wann die Verwaltung das letzte Mal zum Kontrollgang vorbeigeschaut hat und ob dabei Mängel festgestellt wurden. „So können wir uns schnell ein Bild machen“, berichtete Jens Pfeifer vom Grünflächenamt der Stadt jüngst im Umweltausschuss.

Mit Fachbereichsleiterin Claudia Richter und Boris Heinrich vom Betriebshof referierte er zum Thema Kontrolle der Stadtbäume. Eine Angelegenheit, die in der Stadt auf vielen Schultern ruht. Ob Produktbereich Grünflächen, Landschaftsschutz, Stadtentwässerung oder Betriebshof - alle seien mit eingebunden, so Richter, deren Fachbereich mehr als drei Viertel des Katasterbestands verantwortet. Nicht in der Datenbank stehen die Bäume im Stadt- und Hardtwald - hier ist der Forst zuständig - und auf privaten Flächen.

Mit den städtischen Bäumen haben die drei Baumkontrolleure bereits genug zu tun. Zweimal im Jahr wird jeder Baum kontrolliert - jeweils mit und ohne Laub und erstmal rein visuell. Ohne technische Hilfsmittel werde nach Defektsymbolen wie Totholzbildung, Aushöhlungen oder Pilzbefall geschaut. Im Fokus stehe die Vitalität des Baumes.

Im Zweifel geht die Sicherheit vor

16 000 Bäume in den vier unbelaubten Monaten bedeuteten 1000 Bäume in der Woche, überschlug Dr. Thomas Kreuder (SPD) im Ausschuss. „Ist das überhaupt zu schaffen?“ Eine „Riesenherausforderung ist das schon“, so Pfeifer. Alle Fachabteilungen könnten aber auf einen „großen Erfahrungsschatz“ und „genaueste Ortskenntnisse“ bauen. „Unsere Baumsachverständigen kennen jeden Baum persönlich“, meinte er.

Die „Baumdoktoren“, wie die Sachverständigen auch genannt werden, kommen zum Einsatz, wenn Schäden mit bloßem Auge nicht zu erkennen und Sonderkontrollen nötig sind. Dafür stünden verschiedene Gerätschaften zur Verfügung, so Heinrich, der einer von drei Sachverständigen des Betriebshofs ist.

Gängigstes Hilfsmittel sei der Resistograph. Per Nadel, die sich in den Baum bohrt, wird eine Holzquerschnitts-Analyse durchgeführt. „Quasi ein EKG-Bild, auf dem wir erkennen, wie weit die Fäulnis fortgeschritten ist.“ Zudem würden Zuwachsbohrer verwendet und Untersuchungen im Zugversuch durchgeführt. Hier simulieren Seile die Zugkraft eines Windereignisses. Das sei zwar „aufwendig und teuer“, habe aber auch seine Berechtigung. „Es gibt Pilzarten, die den Baum von unten auffressen. Da ist der Resistograph überfragt.“

Es gehe vor allem um Zukunftsorientierung und Nachhaltigkeit. „Wir wollen die Bäume für weitere Generationen bewahren“, sagte Pfeifer. Die Sicherung des Bestands stehe an vorderster Stelle, es spiele aber auch die Verkehrssicherheit eine Rolle. Verletzungen von Menschen durch herabfallende Äste müssten verhindert werden. Im Zweifel gehe die Sicherheit vor. Heißt: Ist Gefahr im Verzug, wird schnell gefällt. Ansonsten geschehe dies nur nach „intensiver Abwägung“. „Wir fällen nur, wenn gar nichts mehr geht“, betonte Pfeifer.

Zum Tagesgeschäft gehört auch, in der Bevölkerung für die Belange der Bäume zu sensibilisieren. Den Satz „Ich habe ja nichts gegen Bäume, aber . . .“, hörten sie oft, berichtete er. „Wir versuchen dann, ins Gespräch zu kommen. Meist gelingt das.“

Wo die Sicherheit nicht gefährdet ist, werde Totholz - Nahrungsgrundlage vieler Tiere - auch schon mal stehen gelassen, berichtete Heinrich. „Wir versuchen, allen Aspekten gerecht zu werden, müssen immer wieder abwägen und Kompromisse eingehen.“ Ersichtlich wird diese Strategie auch in den Statistiken. Zwar sind mehr als die Hälfte der Stadtbäume geschädigt (52 Prozent leicht und 5 Prozent stark); Handlungsbedarf wurde im vergangenen Jahr aber nur für ein knappes Drittel des Bestands festgestellt.

Neben Fragen zum Borkenkäfer - in der Stadt spielt er keine Rolle - wollten die Ausschussmitglieder auch wissen, ob sich über das Baumkataster und seine mittlerweile mehr als 500 000 Daten Trends erkennen ließen, welche Bäume dem Klimawandel am besten trotzen könnten. Das sei schwer, meinte Pfeifer.

„Klar ist: Monokulturen wie den Fichten im Wald gehört nicht die Zukunft.“ Daher versuche man, sich bei Neupflanzungen breit aufzustellen. Gepflanzt wird zweimal im Jahr. Jeweils im Frühjahr und im Herbst kommen jedes Jahr insgesamt rund 100 neue Bäume hinzu.

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