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Diese Stufen geht Sigrid Möricke nicht mehr lange nach oben. Im Dezember endet ihr Amt.

Magistrat in Wiesbaden

Baudezernentin Sigrid Möricke geht

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Sigrid Mörickes Tage als Baudezernentin in Wiesbaden sind gezählt. Die 53-Jährige ist ein Opfer der Kooperationsmathematik geworden. Sie hinterlässt ein bestelltes Feld.

Ihre Leistungsbilanz hat Sigrid Möricke auf neun Seiten einer Power-Point-Präsentation zusammengefasst. Dass sie die Frauenförderung als ersten Punkt erwähnt - kein Zufall. Die scheidende Dezernentin für Stadtentwicklung und Bau hat Christiane Fordey-Stange zur Bauaufsichtsamtschefin und Petra Beckefeld zur stellvertretenden Stadtplanungsamtschefin gemacht, und darauf ist sie stolz.

Ihrer Ansicht nach muss die Verwaltung als moderner Dienstleister ausgerichtet werden, wozu nicht nur eine gute Kommunikationskultur, sondern auch Frauenförderung gehören. Nicht nur, weil Artikel drei des Grundgesetzes dies so vorschreibt, sondern weil es ihre tiefste Überzeugung ist. Dass die Landeshauptstadt nach ihrem Abschied im Dezember einen reinen Männermagistrat haben wird, findet Möricke skandalös. Aber sie sei ja nicht nachtragend, sagt sie, aber enttäuscht, auch von ihren sozialdemokratischen Parteikollegen.

Die Bauvorhaben sind erst der zweite große Punkt in der Präsentation. 32 bis 2017 abgeschlossene Projekte zählt Möricke als erstes auf. Es waren viel mehr, aber die würden nicht auf die Liste passen. In Mörickes Amtszeit hat das Bau- und Planungsamt einen Rekord an erteilten Baugenehmigungen aufgestellt. 

Die Planverfahren von über 10 000 Wohnungen sind von ihrem Dezernat erfolgreich bearbeitet worden, dazu zahlreiche Verkehrsstruktur- und Stadtplanungsprojekte. Aber die 53-Jährige hat diese Leistungsbilanz nie präsentiert. Es sei einfach nicht die richtige Gelegenheit dafür gewesen, räumt sie ein. Für Möricke haben die neun Seiten eine andere Funktion. „Ich habe bewiesen, dass ich Dezernat kann“, sagt sie ein bisschen trotzig. Sie hat es sich schwarz auf weiß aufgeschrieben, Punkt für Punkt, als brauche sie eine Vergewisserung ihrer selbst. 

Die Diplom-Verwaltungswirtin hatte es nicht leicht als Dezernentin, die bis zum Frühjahr 2017 auch für das Ressort Verkehr verantwortlich war. Ihr wurde übel mitgespielt. Die eigenen Leute sprangen ihr nicht zur Seite. „Nicht alle Vertreter der Großen Koalition standen hundertprozentig zur Koalitionsvereinbarung“, berichtet sie, einige seien ihr in den Rücken gefallen.

2013 und 2014 hagelte es Kritik von der Opposition. Es fehle ihr an Durchsetzungskraft und Fingerspitzengefühl, hieß es da, sie sei beratungsresistent und entscheidungsunwillig. Auf die Frage, ob sie zu wenig Ellbogen eingesetzt und nicht den in der Politik üblichen Beißreflex gezeigt habe, erklärt sie, was für sie gute Dezernentenarbeit ist. 

 „Das Amt beinhaltet Verwaltungsarbeit nach innen und die Präsentation nach außen“, sagt die alleinerziehende Mutter eines Sohnes. Beides sei gleichermaßen wichtig. Verwaltung habe sie in ihrer Zeit im hessischen Verkehrsministerium als persönliche Referentin des früheren Verkehrsministers Lothar Klemm (SPD) gelernt.

Die Kommunikation in ihrem Dezernat aufzubauen, habe sie viel Zeit gekostet. Von ihrem Vorgänger Joachim Pös (FDP) habe sie eine Behörde übernommen, in der manche Leute nicht miteinander redeten. Nun habe sie eine neue Mannschaft installiert, mit der gut arbeiten sei. Ihr Nachfolger Hans-Martin Kessler (CDU) übernehme ein bestelltes Feld. 

Im Frühjahr 2017 ist Möricke ein Opfer der Kooperationsmathematik geworden. Da die Grünen in die von CDU und SPD geführte Stadtregierung dazustießen, die Grünen das Ressort Verkehr und die CDU Bauen beanspruchten, musste sie weichen. Sie hält es für falsch, dass die SPD das Ressort Bauen abgab. Ihre Parteifreunde machten sich auch nicht dafür stark, dass sie das von ihr gewünschte Finanz- und Kulturdezernat erhielt, weil dieses von Axel Imholz besetzt war.

Schon war Möricke draußen. Kürzlich erst schrieben die Zeitungen, sie räche sich an ihren Kollegen, weil sie einem Beschluss des Magistrats nicht nachgegeben hatte. Für ein Hotel am Kureck hatte ein Hotelbetreiber nach dem Beteiligungsverfahren zwei weitere Etagen für das Gebäude verlangt. „Es gibt keine Extrawürste“, sagt sie, „da muss ein Verfahren her.“

Inzwischen geht es seinen ordentlichen Gang. Den „Racheengel“ spielen, wie es geschrieben wurde, sei gar nicht ihre Art, versichert sie, „und merken Sie was, der Begriff würde zu Männern gar nicht passen.“ Sie steht zu ihrem Stil, auch zu ihrem weiblichen Äußeren. „Mich mit Kurzhaarschnitt und Hosenanzug der Männerwelt anpassen, ist nicht meins“, sagt sie. Sie trägt eine knallrote Lederjacke, die ihr blondes langes Haar leuchten lässt. 

Ihr letzter Arbeitstag als Dezernentin ist der 14. Dezember. Was sie danach tun wird, ist offen. „Ich fühle mich zu jung und energiegeladen für den Ruhestand“, sagt sie. Im Oktober hat sie ein Studium in Theater-, Film- und Medienwissenschaften begonnen. Sie sagt: „Regie und Schauspiel hat auch viel mit Politik zu tun.“ 

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