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Menschen, die einen Schlaganfall erlitten haben, müssen schnell behandelt werden.

Stroke Units in Hessen

Schlaganfallhilfe droht das Aus

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Ein Gerichtsurteil des Bundessozialgerichts bedroht in Hessen die schnelle Hilfe von Schlaganfallpatienten. Im Rhein-Main-Gebiet ist das Stroke Unit Friedberg betroffen.

Bei Verdacht auf Schlaganfall muss es schnell gehen. Der Betroffene kommt sofort in den Computertomographen. Wenige Stunden später beginnt die Mobilisierung. Lediglich fünf der 671 Patienten im vergangenen Jahr waren so schwer betroffen, dass die Stroke Unit in Friedberg ihnen nicht helfen konnte. Die schickten Chefarzt Tibo Gerriets und seine Kollegen weiter in die nächstliegenden Zentren, die Uniklinik Gießen oder die Unfallklinik Frankfurt.

Die 2011 eröffnete Friedberger Stroke Unit ist Teil eines Netzes, das die schnelle Versorgung von Schlaganfallpatienten verbessert hat. Bedroht wird es durch ein Bundessozialgerichtsurteil vom Juni, das zeitliche Fristen vorgibt, die selbst die Uniklinik Frankfurt im eigenen Haus nicht einhalten kann, sagt Dirk Fellermann, Geschäftsführer des Gesundheitszentrums Wetterau (GZW), einem Zusammenschluss kommunaler Kliniken und Medizinischer Versorgungszentren in Wetterau und Vogelbergkreis. Unter Berufung auf das Urteil überweise die Barmer seit rund vier Wochen den Sonderzuschlag für die technisch und personell aufwendige Behandlung nicht mehr. Die anderen Kassen folgen (noch) nicht dem Beispiel, zahlten aber nur noch unter Vorbehalt. Bleibe es dabei, bekäme das GZW 1000 Euro weniger pro Schlaganfallpatient, müsste sogar mit Rückforderungen rechnen. Rentabel wären die elf Betten in der Spezialabteilung dann nicht mehr.

Alarm schlägt auch der Klinikverbund Hessen, der die öffentlich-rechtlichen Häuser vertritt. Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) und die Deutsche Schlaganfall-Gesellschaft (DSG) sehen ebenfalls die flächendeckende Versorgung in Gefahr. Für den Bedarf spezieller Eingriffe galt bislang, dass 30 Minuten reiner Transportzeit in ein qualifiziertes überregionales Zentrum ausreichen. Laut Bundessozialgericht darf nur noch eine halbe Stunde vergehen zwischen der Entscheidung des Arztes für den Transport und dem Moment, in dem der Patient auf dem Operationstisch liegt. Ein Zeitfenster, das kaum einzuhalten sei, so die DGN. „Etliche Krankenhäuser mit funktionierenden regionalen Stroke Units könnten sich dann aus der Schlaganfallbehandlung zurückziehen“, befürchtet Präsident Gereon R. Fink. Selbst in Ballungszentren sei eine solche Versorgung illusorisch.

Fünf bis maximal zehn Prozent der Patienten müssen laut DGN weiterverlegt werden. Eine Erfahrung, die sich mit der in Friedberg deckt. Für sie entstünden durch die alte Regelung keine Nachteile, weil die Transportzeit für die Operationsvorbereitungen genutzt würden, sagt der Leiter des Wetterauer Rettungsdiensts, Reinhold Merbs. „Hier funktioniert alles, und jetzt wollen sie das kaputt machen.“ 

So weit ist es noch nicht. Wie aus einer Antwort der Grünen an das Bundesgesundheitsministerium hervorgeht, ist für nächstes Jahr eine „Präzisierung hinsichtlich der Transportzeit“ vorgeschlagen worden. Rheinland-Pfalz startete eine Bundesratsinitiative. Die Betroffenen drängen auf eine schnelle Lösung.

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