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Moderiert das Gespräch am Sonntag: Literaturkritikerin Insa Wilke

Großes Darmstädter Gespräch

Deutschland auf dem Prüfstand

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Kurz vor der Bundestagswahl sprechen Autoren, Künstler und Geisteswissenschaftler in Darmstadt darüber, was eine Gesellschaft, ja, einen Kontinent zusammenhält.

Karsten Wiegand sagte anlässlich der Vorstellung der neuen Spielzeit im April: „Wir können und wir wollen nicht die Welt, die Gesellschaft oder diese Stadt belehren.“ Der Intendant des Staatstheaters Darmstadt sagte das damals mit Blick auf das große Thema „Wer ist wir?“, drei Worte, zum Leitmotiv der kommenden Spielzeit verdichtet – und zwar in einer Zeit, als zu befürchten war, Populisten könnten bei den Wahlen hierzulande oder in Frankreich tatsächlich viele Stimmen gewinnen und die über Jahrzehnte so selbstverständlich gelebte Demokratie ins Wanken bringen.

Die Wahlen gingen glimpflich aus, das Belehren fällt also weg. Aber: ins Gespräch verwickeln wird man seine Stadt und deren Bürger ja wohl dürfen. Und so wird am Wochenende, wenn das Staatstheater vom 15. bis 17. September zum „Großen Darmstädter Gespräch“ einlädt, viel geredet, diskutiert und gestritten. Den Veranstaltern zufolge soll am Ende „nicht ein einziges Ergebnis stehen, sondern ein Mosaik aus vielen Antworten, aus Fragen und Möglichkeiten, die unsere Realität in ihrer Vielfalt wieder schärfer sichtbar, also weniger unheimlich machen“.

Mitunter darf auch geträumt werden, etwa, wenn der Lichtkünstler Philipp Geist nach Sonnenuntergang den Theatervorplatz zur Projektionsfläche für seine Installation „Wer ist wir?“ macht. Vor der Lichtshow wird der Schriftsteller Ingo Schulze am Freitag um 21 Uhr, die Eröffnungsrede halten, um das gemeinsame Denken und Sprechen anzuheizen. Tags drauf werden sich zur besten Frühstückszeit der Soziologe Armin Nassehi und der Gerechtigkeitsforscher Oliver Nachtwey der Frage widmen „Welche wirs braucht ein Wir?“.

Daran anschließend debattieren die Soziologin Annette Spellerberg, der frühere Michelstädter Bürgermeister Reinhold Ruhr und der Künstler Boris Sieverts unter dem Titel „Abgehängt?“ über das Leben auf dem Land – und die Frage, ob fern der Metropolen tatsächlich so wenig los ist?
Ob das gern bemühte Wir-Gefühl eine Entscheidung oder schlicht eine chemische Reaktion ist, darüber streiten der Hirnforscher Wolf Singer und die Philosophin Petra Gehring ebenfalls am Samstag ab 11.30 Uhr. Wie entscheidend der Schwarze Widerstand den westlichen Freiheitsbegriff mit geprägt hat und ob das Wir für eine bunte, vielfältige Gesellschaft steht, darüber sprechen die Londoner Aktivistin Sharon Dodua Otoo, die Literaturwissenschaftlerin Peggy Piesche und der Kolonialforscher Joshua Kwesi Aikins am Samstag um 14 Uhr.

Was das hiesige Wir vom französischen Nachbarn lernen kann ist Thema des Gesprächs, das die Schriftstellerin Shumona Sinha und der Arabist Gilles Kepel ab 15.45 Uhr führen. Im Anschluss stellen die Schriftstellerin Taiye Selasi, die Aktivistin Fairouz Nishanova und der Autor Andre Wilkens ihre Ideen zur idealen europäischen Staatengemeinschaft unter dem Titel „Oh Europa! Was wäre wenn...“ vor.

Höhepunkt der Gesprächstage ist die Lesung „Wer wir waren“, der eine Rede des 2016 verstorbenen Roger Willemsen zu Grunde liegt und die von Barbara Auer, Joachim Król und Gabriele Drechsel uraufgeführt wird. Für diesen Abend im Großen Haus des Staatstheaters sind Karten zu kaufen (siehe Infobox) – ansonsten gilt für das gesamte Veranstaltungsprogramm: Eintritt frei und mitreden ausdrücklich erwünscht. Nicht nur beim Denk-Tisch, der am Sonntag von 13.30 bis 18 Uhr im kleinen Haus gedeckt wird. Die Idee: Sechs Menschen unterschiedlicher Herkunft „denken laut über ein Manifest für das 21. Jahrhundert nach“, wie es im Programm heißt, „ergebnisoffen und visionär“. Ein Stuhl bleibt frei „für die Impulse von drei weiteren Personen“.

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