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Beim Taunusbrauer Martin Deschauer in Neu-Anspach

Neu-Anspach

Abseits des Reinheitsgebots

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Im neu eröffneten „Taunusbrauer“-Laden gibt es alle Zutaten für die eigene Bierherstellung zu kaufen. Und darüber hinaus noch vieles mehr.

Na also. Barack Obama hat es getan. Und – ein Jahrhundert vor ihm – auch Amtskollege Thomas Jefferson. In der Küche des Weißen Hauses haben sie nächtens gewerkelt und geköchelt, die Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. Am Ende hatten sie ihr eigenes Bier im Humpen: Dem „White House Honey Ale“ ist sogar ein Wikipedia-Eintrag gewidmet.

Mittlerweile ist die Leidenschaft für das Hausbrauen auch in Deutschland angekommen, sind die so genannten Craft-Biere stark im Trend. „Da gibt es ein sehr aktives Forum“, sagt Martin Deschauer, der in Neu-Anspach gerade einen „Laden für Hobbybraubedarf“ eröffnet hat. Wer nun den prominenten Fürsprechern Jefferson und Obama ins geheimnisvolle Reich des Sudens und Gärens folgen möchte, findet in der Bahnhofstraße 43 alles, was er braucht.

Auf illegalen Pfaden bewegt sich dabei heute niemand mehr: Die gute und lange Tradition des privaten Biermachens wurde zwar 1906 mit dem Aufkommen des Brausteuergesetzes empfindlich eingedampft, kann aber seit 1986 wieder fröhlich fortgeführt werden. Jeder Haushalt in Deutschland darf laut Gesetz bis zu 200 Liter Bier in Eigenregie herstellen – steuerfrei. Dennoch sollte das Vorhaben – sicher ist sicher – dem zuständigen Zollamt angekündigt werden.

Wo früher Blumen verkauft wurden, dominiert seit wenigen Tagen ein brauhandwerkliches Sortiment: Gärröhrchen und Thermometer, Beutel voller Kronkorken und Spindeln zum Messen des Zuckergehalts. Hoch auf Regalböden die glänzenden Brau-Automaten neben den einfacheren Gäreimern in Kunststoffausführung. Literatur zum Thema fehlt ebenso wenig wie eine Auswahl an Reinigungsmitteln. „Sauberkeit ist wichtig“, so der Jungunternehmer. Und: „Brauen ist einfach.“

In die Wiege wurde dem 36-Jährigen das Biermetier nicht gelegt. Sein Berufsfeld ist die Sozialwissenschaft. Der vor zwei Jahren erfolgte Umzug von Frankfurt in das Usinger Land brachte Deschauer jedoch auf neue Gedanken. Ein kleines Brau-Set – „Kit“-Sorten wie India Pale Ale, Docklands Porter oder Belgian Style Ale gehören mittlerweile zum Angebot – war der Einstieg.

Ein auf die US-Szene fixiertes „Homebrewing“-Buch sollte Orientierung geben, wurde dann auch zum Geburtshelfer der „Taunusbrauer“-Marke. „Für den Einkauf von Zutaten verwies der Autor stets auf den nächsten Laden.“ Den gebe es in Deutschland aber nicht. „Nur Online-Shops ohne Beratung, ohne Service.“

Martin Deschauer will fortan auf beides setzen, eine entsprechende Website befindet sich derzeit im Aufbau. Laufkundschaft dürfte sich in der Bahnhofstraße kaum einfinden, eher ist mit Kennern aus der Hobbybrauerzunft zu rechnen. Um das Interesse anzukurbeln und anfängliches Zaudern in Begeisterung zu verwandeln, sollen die Mittwochabende den Braukursen vorbehalten sein. „Innerhalb von drei Stunden lässt sich Wesentliches vermitteln, inklusive Verkostung des Selbstgemachten.“

Wenn sich der Hausherr in medias res begibt, spielen ein 36 Liter fassender Edelstahltopf, ein Maische-Sack und die Herdplatte tragende Rollen. Im luftdicht verschlossenen Gefäß gärt das Gebräu bis zu drei Wochen, der anschließende Reifeprozess dauert ebenso lange. „Man muss Geduld haben – und günstiger wie das Bier aus dem Supermarkt ist es auch nicht.“

Was letztlich den Spaß an der Sache bringt, kann mit „Experiment“ überschrieben sein. „Wir bewegen uns hier abseits des Reinheitsgebots“, so der 36-Jährige. Es gebe zwar viel gutes Bier in Deutschland, aber wenig geschmackliche Vielfalt. „Als Hobbybrauer bieten sich da unzählige Möglichkeiten.“

Was an Gewürzen zugesetzt werden kann, ist abgepackt: beispielsweise Eichen-Chips, Irish Moos, Kakao-Schalen. Dass der Bierkreative seine Rezepte mit zum „Taunusbrauer“ bringen kann und dort alle Zutaten aufs Gramm abgewogen bekommt, könnte sich auf den Geschäftsverlauf positiv auswirken.

Neben den Trockenextrakten hat Deschauer auch eine ordentliche Malz-Auswahl im Sortiment. 30 verschiedene Varianten aus Bamberg sollen bald sackweise bereit stehen. Immerhin werden für die Produktion von 20 Litern Hausbier etwa sechs Kilo Malz benötigt. Hopfen – der in Pelletform abgefüllt ist – kann weitaus sparsamer zur Anwendung kommen: „Weniger als 100 Gramm pro 20 Liter.“

Dass der Schritt in den Einzelhandel ein Wagnis darstellt, will der Inhaber nicht verhehlen. „Es funktioniert nur auf der eigenen Fläche.“ Obwohl sich in dem lichten, einladend gestalteten Raum alles um das deutschlandweit so beliebte Genussmittel dreht, bleibt jeder Dogmatismus außen vor. „Auch dem Apfelwein bin ich nicht abgeneigt“, sagt Martin Deschauer.

Bleiben wir aber vorerst beim Bier, von dem schon der kluge Jean Paul wusste: „Nichts ist fataler, als wenn gerade die letzte alte Flasche Bier schlecht ist.“ Na also.

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