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Bald zeigt sich, ob aus den grünen Früchten saftige Kirschen oder nur „Rötel“ werden.

Landwirtschaft

Bangen um die Ernte

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Ockstädter Kirschbäume zeigen die Folgen der Trockenheit.

Manchem Japaner soll er einen Abstecher wert sein, um das Heimwehgefühl nach der Kirschblüte zu dämpfen. In den vergangenen Wochen war auf dem Hang oberhalb des Stadtteils Ockstadt ein Meer aus Blüten zu bestaunen, das von 42 000 Bäumen getragen wurde. Den meisten der rund 50 Kirschbauern ist bei dem Anblick derzeit aber gar nicht nach Romantik. Die noch spät in den Frühling einbrechenden Frostnächte machen nur einen Teil ihrer Sorgen aus, den kleineren. Der monatelange Hochsommer im vergangenen Jahr ohne einen Tropfen Regen sowie ein relativ trockener Winter und Frühling gefährden nicht allein die diesjährige Ernte.

„Ganze Äste sind abgestorben“, sagt Werner Margraf, zweiter Vorsitzender des Ockstädter Obst- und Gartenbauvereins. „Beim Winterschnitt sah es noch aus, als würden es die Bäume schaffen“, sagt Margraf. Die Blüte habe jedoch die Wahrheit an den Tag gebracht. Wie groß der Schaden an den nieder- und mittelstämmigen Bäumen ist, lasse sich noch nicht beziffern.

Klar sei hingegen die Ursache. Rund 700 Milliliter Regen pro Quadratmeter und Jahr benötigen Kirschen. In den vergangenen Jahren sei dieses Niveau auf etwa 600 Milliliter gesunken. Und 2018 habe nur 400 Milliliter pro Quadratmeter Regen gebracht.

Wenig Hoffnung auf Besserung zeichnet sich überdies für die rund 50 Kirschbauern seit dem Jahresbeginn ab. „Bis jetzt gab es nur 80 Milliliter Niederschlag. Bei einem durchschnittlichen Jahr wäre bis Mai fast das Dreifache gefallen, so Margraf.

Der Grundwasserpegel sei mittlerweile extrem zurückgegangen. Das ist schlecht, weil der Kirschbaum bis zu zwei Meter tief reichende Wurzel besitzt, um sich das Wasser zu holen. Der Regen der vergangenen Tage ist in den Wasserspeichern im Boden nicht angekommen, sondern befeuchtete lediglich die Erdoberfläche, bemerkt Margraf. „Es braucht schon einen tagelang anhaltenden Landregen, um das Grundwasser aufzufüllen.“ Der Obstbauer müsse nun mit einem stärkeren Rückschnitt und zusätzlichem Bewässern reagieren.

Der Experte wagt noch keine Langzeitprognose, ob man auch in Zukunft noch Ockstadt mit prallen Süßkirschen verbinden kann. Seit knapp 250 Jahren werden in Ockstadt Kirschen angebaut. Mit der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika fiel in Ockstadt und Umgebung die Verarbeitung von Baumwolle für Großbritannien weg. Als es für die Webstühle keine Arbeit mehr gab, wechselten die Menschen auf Kirschenanbau. Aktuell werden auf rund 140 Hektar Kordia, Early Korvic oder Regina angebaut. An die 30 Sorten soll es am Kirschhang geben. „Nein, von der Kirschernte leben kann man nicht“, sagt Margraf. Unter den Pächtern sei nur einer Vollerwerbsobstbauer, der aber auch Äpfel und Aprikosen erzeuge.

Wie die Ernte 2019 ausfallen wird, steht für die Ockstädter noch in den Sternen. Der Frost zur Blüte habe einige Schäden in den Tieflagen angerichtet, doch seien die bei Weitem nicht auf dem Niveau von 2017, als 70 Prozent der Ernte verloren gingen. Die frostigen Nächte am Wochenende blieben ohne Folgen. Die Blüten sind bereits bestäubt, die Befruchtung sieht gut aus, erläutert Margraf. Das bedeute jedoch nicht, dass daraus eine pralle, saftige Frucht wird. Vermutlich wird die Trockenheit beim Ernteertrag ihre Wirkung zeigen. Laut Margraf könnte es verstärkt zu Röteln kommen: Dann wirft der Baum vier Wochen nach der Bestäubung kleine, rote Früchte ab. Warum, das ist noch nicht geklärt, aber Stress wegen Trockenheit könne ein Grund sein.

Nicht nur der Klimawandel zerrt an den Ockstädter Kirschhängen, auch Obstdiebe - und die sollen es von Jahr zu Jahr drastischer treiben. „Wir leiden unter dem zunehmenden Obstraub, der professionell betrieben wird“, heißt es vom Obstbauverein. Ockstädter Kirschen haben einen guten Marktwert. „Die Diebe kommen am helllichten Tag. Wir haben schon 60 Kilogramm sauber gepflückte, nicht abtransportierte Beute gefunden“, sagt Margraf. Mit einem neuen Sicherheitskonzept und Detektiven will man das Raubernten nun stoppen.

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