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Balken für Balken ersetzt

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Als der alte Dachstuhl schon abgebaut war, musste auch das Dach des Erkers im Frühsommer 2021 temporär versetzt werden, um dessen Wandkranz zu erneuern.
Als der alte Dachstuhl schon abgebaut war, musste auch das Dach des Erkers im Frühsommer 2021 temporär versetzt werden, um dessen Wandkranz zu erneuern. privat © privat

Sanierung der Engel-Apotheke auf der Zielgeraden / Noch Arbeiten am Putz

BAD HOMBURG - Ein Missgeschick vor fünf Jahren hatte sie in Gang gesetzt, die Sanierung der ehemaligen Engel-Apotheke am Schulberg. „Ohne die Lichterkette wäre das Haus wohl irgendwann zusammengebrochen“, erklärt Hauseigentümer Marc Schrott. Doch jetzt ist der Apotheker auf der Zielgeraden. „Im April wollen wir fertig sein“, so der Bauherr. Noch im Januar sollen die drei Wohnungen im Haus in die Vermietung gehen. Und fürs Ladengeschäft im Erdgeschoss, bis 2018 wurden hier Medikamente verkauft, ist der Mietvertrag fertig.

Hätte Schrott gewusst, was auf ihn zukommt, er hätte es nicht gemacht. Wegen der schlechten Bausubstanz mussten nahezu alle Wände geöffnet und das Dach komplett ausgetauscht werden. Zudem wurde das Dach des Erkers über dem Eckeingang temporär versetzt. „Für mich als Apotheker ist das ein Herzensprojekt, aber die denkmalgerechte Sanierung hat auch diverse Herausforderungen mit sich gebracht“, erklärt Schrott. Drei Jahre lang dauerte die Verjüngung der alten Officin.

Schicksalhafte Lichterkette

Doch zurück in den Januar 2017, als alles begann. Eine Firma beschädigte beim Abnehmen der Weihnachtsbeleuchtung die Fassade - der Haken war an einem morschen Balken befestigt. Zunächst wurde durch Bohrproben festgestellt, welche Balken morsch sind. „Schnell wurde klar, dass die Substanzschädigung wesentlich umfassender war als angenommen“, sagt Zimmerermeister Thorsten Raab - der Gernsheimer ist auf denkmalgerechte Sanierungen spezialisiert und hat den gesamten Umbau begleitet. Das alte Fachwerk war größtenteils marode: Im Holz fanden Raab und sein Team diverse Schädlinge, „von Insekten bis zum Hausschwamm“.

Balken für Balken, meist aus Eichenholz, Zierpfosten für Zierpfosten wurde möglichst originalgetreu ersetzt. Die Gefache wurden, sofern möglich, erhalten; meist handelt es sich um ein Stroh-Lehm-Gemisch. „Wir hatten aber auch einen großen Anteil an Backstein-Mauerwerk“, so Raab mit Verweis auf den Umbau durch Louis Jacobi 1901 bis 1904, der das Eck-Gebäude mit dem Nachbarhaus verband. Hierbei wurde auf Schönheit geachtet, aber nicht in die Bausubstanz geschaut, meint der Hausbesitzer.

MEDIZIN SEIT 1747

Die Engel-Apotheke gilt als älteste Pharmazie im Umkreis. Landgraf Friedrich II. 1684 hatte das Privileg gestattet, in Homburgs Gassen Medikamente zu verkaufen.

Eine erste „Officin“ befand sich an anderer Stelle der Altstadt. Seit 1747 wurden am Schulberg Heilmittel verkauft. Von 1901 bis 1904 wurden nach Plänen des Homburger Baumeisters Louis Jacobi die Fachwerk-Wohnhäuser Schulberg 7/9 zusammengelegt. Auch das historische Apotheken-Interieur, das bis vor zwei Jahren noch da war, stammt von Jacobi. ahi

Zimmerer Raab überzeugte die Denkmalbehörden, dass das Dach ersetzt werden musste. „Die Ämter haben die Hände überm Kopf zusammengeschlagen“, erinnert sich Raab. So wurde 2021 der Dachstuhl aus Nadelholz abgebaut und die oberste Geschossdecke mit Bitumen abgedeckt.

In diese Zeit fiel auch die temporäre Versetzung des Erkers: In einer spektakulären Aktion wurde im Frühsommer 2021 das Dachrondell abgehoben. Der 90 Zentimeter hohe Wandkranz musste ebenfalls saniert werden. Anschließend wurde alles wieder aufeinander gesetzt.

Zumindest konnte die historische Decke im Turmzimmer erhalten werden. Die Mieter einer der beiden Wohnungen, die im Obergeschoss entstanden sind, werden sie bewundern können. Die 90 bis 150 Quadratmeter großen Domizile sind laut Schrott noch zu haben, nebst einer kleineren Wohnung rechts im Erdgeschoss. Informationen hierzu hat Marianne Wieczorek (Mail an verwaltung@medicoline.eu). Das alte Haus wurde nicht nur statisch erneuert, sondern auch nachhaltig gemacht: Statt mit Gas wird nun per Wärmepumpe geheizt und im Sommer gekühlt.

Noch immer ist der Bürgersteig am Schulberg abgesperrt, obwohl die Hauswand inzwischen weiß strahlt. „Es haben sich wieder Teile des Putzes gelöst“, erzählt Schrott. Das wird nun erneut untersucht - es ist möglich, dass der Putz noch mal neu aufgetragen werden muss.

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