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Mit einem proppenvollen Kofferraum machte sich der Inhaber des Weinladens auf den Weg in die Destillerie.

Rodgau

Aus Bärwurz & Co. wird Desinfektionsmittel

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Der Inhaber des Rodgauer Weinladens hat in seinem Ort Alkohol-Restbestände gesammelt und an eine Destillerie geliefert. Dort entsteht daraus kostenloses Desinfektionsmittel.

Eigentlich verkauft Manuel Gries Alkohol. Drei Wochen lang hat der Inhaber des Weinladens in Rodgau aber auch fleißig gesammelt. Wer seine alkoholischen Leichen im Keller loswerden wollte, durfte sie zu ihm ins Geschäft bringen. Gries fuhr die Spirituosen von anno dazumal zur Destillerie Simon’s nach Alzenau, die daraus Ethanol für Desinfektionsmittel brannte.

Mit alkoholischen Restbeständen von anno dazumal Gutes tun: Manuel Gries hat’s in Rodgau möglich gemacht.

Einmal auf Facebook gepostet, füllte sich das temporäre alkoholische Lager – und damit auch das Kuriositätenkabinett – im Nu. Beispiele gefällig? Wein aus dem Jahr 1976, 200 Miniaturschnäpse aus den 70ern und 80ern mit so wohlklingenden Namen wie „Schlüpferstürmer“ oder „Busengrapscher“, eine Flasche Solera-Sherry aus dem Jahr 1941. „Die hat zwar nur 17 bis 18 Prozent Alkohol, aber der Zuckergehalt sorgt dafür, dass man den Sherry wohl noch trinken kann“, sagt Gries. Die Flasche hat er behalten, genauso wie eine 200-Milliliter-Flasche mit dem Etikett „Blutreinigung“. Was drin ist, testet der Sommelier lieber nicht. „Die stelle ich bei mir aufs Regal.“

In den Kofferraum seines Autos wanderten dagegen Liköre und Schnäpse ohne Etiketten aus den Jahrzehnten, in denen jeder noch jährlich einen halben Liter Alkohol ohne Anmeldung beim Zollamt selbst brennen durfte. Auch zwei Kisten Hefeweizen aus dem Jahr 2015 gingen auf die Reise nach Alzenau, genauso wie drei Flaschen des sehr gewöhnungsbedürftigen Bärwurz und der Rachenputzer „Erichs Rache“ mit einer Honecker-Karikatur auf dem Etikett.

An zwei Samstagen opferte Gries seine Freizeit, um insgesamt 280 Liter Altalkohol in der Destillerie abzuliefern. Dort entstand daraus 78-prozentiges Ethanol. Der Reinigungsalkohol ist weder zum Verzehr noch für die Handdesinfektion geeignet, wohl aber für die Flächendesinfektion. Aus seiner ersten Restbestandssammlung hat Gries jetzt vier Flaschen Ethanol zu Hause, die er gerne kostenlos an Kindergärten oder Schulen abgibt.

Weil der angelieferte Stoff aktuell nicht ausreicht, um die 300-Liter-Brennblase zu füllen, hat die Destillerie ihre Aktion beendet, berichtet Gries. „Wenn es aber viel Resonanz gibt, würde ich Rücksprache halten, dass noch mal gebrannt wird.“

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