Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Nina Lassnig fährt selbst die Radstrecken der Stadt ab.
+
Nina Lassnig fährt selbst die Radstrecken der Stadt ab.

Bad Homburg

Vom Fahrrad aus Versöhnungsarbeit leisten

Radverkehrsbeauftragte Nina Lassing über Konzept, radeln sicherer und attraktiver zu machen.

Jahrelang wurde der Radverkehr in der Kurstadt eher stiefmütterlich behandelt, der Fokus lag vornehmlich auf dem Autoverkehr. Seit knapp zwei Jahren ist das anders. Nicht nur, weil Bad Homburg jetzt ein Radverkehrskonzept hat. Die Radverkehrsbeauftragte Nina Lassnig sieht zu, dass es auch umgesetzt wird. Sie zieht eine erste Bilanz, sagt, was in absehbarer Zukunft für die Radler:innen getan wird und woran es derzeit noch mangelt.

Frau Lassnig, Sie sind seit knapp zwei Jahren Radverkehrsbeauftragte. Was hat sich in dieser Zeit für Radfahrer verbessert?

Oh, aber einiges! Angefangen damit, dass wir im Weinbergsweg eine Fahrradstraße eingerichtet haben, haben wir auch an vielen Stellen Barrieren entfernt, zusätzliche Fahrradabstellplätze wie an den Buschwiesen oder im Kleinen Tannenwald geschaffen, Wege asphaltiert, über 60 Einbahnstraßen für Radfahrer geöffnet, vorgezogene Haltelinien auf den Straßen markiert. Zudem haben wir mit Blick auf eine gute Infrastruktur zwei Luftpumpen am Kulturbahnhof bereitgestellt und eine E-Bike-Ladestation im Fahrradparkhaus.

Hat Rad fahren in Bad Homburg also an Attraktivität gewonnen?

Unbedingt! Und, bevor Sie fragen: Es ist auch sicherer geworden und wird noch sicherer werden, wenn das Radverkehrskonzept Schritt für Schritt abgearbeitet wird.

Ein Indikator dafür, wie attraktiv und sicher das Radfahren in einer Stadt ist, ist der vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad Club (ADFC) initiierte Fahrradklimatest. Da rangierte Bad Homburg 2019 auf dem letzten Platz aller beteiligten hessischen Städte. Wie würde die Stadt bei einer kommenden Umfrage Ihrer Meinung nach abschneiden?

Nun ja, bei dem Ergebnis von 2019 muss man ganz sachlich sagen, dass es nur besser werden kann. Aber ich bin mir sicher: Das wird es auch. In unserem Radverkehrskonzept haben wir 87 Einzelmaßnahmen. Die Umsetzung jeder einzelnen – wir haben schon zahlreiche umgesetzt – führt dazu, dass wir auf einen besseren Platz kommen, davon bin ich überzeugt. Und, bevor Sie mit der viel geäußerten Kritik kommen, dass es sich doch in vielen Fällen nur um ein paar Pinselstriche und Piktogramme handelt: Das tut es eben nicht. Hinter den meisten einzelnen, für den Bürger vielleicht nur als kleine Maßnahmen wahrgenommenen Veränderungen steckt nämlich eine Menge Arbeit.

Den Weinbergsweg von einer Tempo 30-Zone in eine Fahrradstraße umzuwandeln dürfte ja nicht so schwierig gewesen sein.

Gut, dass Sie das ansprechen, denn tatsächlich war die mit der Umwidmung verbundene Arbeit ziemlich umfangreich. Es ist ja nicht so, dass Sie ein Fahrrad auf die Straße malen und sagen, hier ist jetzt eine Straße vor allem für den Radverkehr. Es gibt jede Menge Vorgaben, die zu erfüllen sind. Allem voran kann nur eine Straße überhaupt Fahrradstraße werden, auf der ohnehin vornehmlich Fahrradfahrer unterwegs sind oder bei der zu erwarten ist, dass sie es sein werden, wenn die Umwidmung erfolgt ist. Außerdem bedarf es einer gewissen Fahrbahnbreite. Daher müssen sich verschiedene Fachbereiche wie Verkehrsplanung, Straßenverkehrsbehörde, Straßenbau innerhalb der Stadtverwaltung abstimmen, die Anwohner müssen informiert werden, was sich ändert und, und, und.

Angesichts eines solchen Aufwandes: Ist es überhaupt angedacht, weitere Fahrradstraßen in der Stadt einzurichten?

Zum einen kann man ganz klar sagen, dass der Weinbergsweg als Fahrradstraße inzwischen wirklich gut angenommen ist, also ein echter Erfolg ist. Zum anderen steht im Radverkehrskonzept, dass wir schauen, wo Fahrradstraßen auch an anderer Stelle im Stadtgebiet eingerichtet werden könnten. Rund um Schulen wäre das möglicherweise auch denkbar – sofern die Voraussetzungen passen.

Über 60 Einbahnstraßen wurden entgegen der Fahrtrichtung für Fahrradfahrer;innen geöffnet. So richtig im Bewusstsein so manchen Autofahrers ist das allerdings noch nicht angekommen. In manchen Bereichen ist es ziemlich gefährlich, gegen die Einbahnstraße zu radeln.

Es muss in der Tat noch stärker in den Köpfen der verschiedenen Verkehrsteilnehmer verankert werden, dass es hier darum geht, dass alle gut und sicher mobil sein können. Dafür müssen alle aufeinander Rücksicht nehmen. Wir versuchen, über bewusstseinsbildende Maßnahmen wie etwa temporäre Kampagnen dafür zu werben. Unter anderem über Kampagnen wie das Stadtradeln. die „Abstand- halten-Kampagne“ oder unsere „Geisterradler-Kampagne“ an allen neun Ortseingängen. Aber dass man sich mit Veränderungen in Sachen Mobilität auseinandersetzt, braucht einfach ein bisschen Zeit. Wir leisten hier, wenn ich das so sagen darf, Versöhnungsarbeit mit allen Verkehrsteilnehmern, das geschieht eben nicht von heute auf morgen.

Fahren Sie eigentlich selbst solche Strecken auch ab?

Na klar! Und zwar jetzt, seit wir zusätzlich zwei E-Bikes für den Fachbereich 61 angeschafft haben, sogar noch ein bisschen lieber. Und wenn der Weg von Ober- nach Nieder-Erlenbach, also die östliche Verlängerung des Ahlwegs, demnächst asphaltiert ist und die Verlängerung des Obernhainer Wegs eine stabile Fahrbahndecke hat, dann diese Strecken sicher besonders gern. Ich fahre aber nicht alleine die Radwege oder mögliche Radwege ab, sondern mit der Straßenverkehrsbehörde und dem Straßenbau. Gemeinsam sind wir auf dem Rad unterwegs und haben einen besonderen Blick auf und für den Radverkehr.

. . . der ja nun gerade auf den Hauptverkehrsachsen Urseler Straße, Hessen- und Hindenburgring nicht unbedingt gemütlich unterwegs ist . . .

Den Hessenring, Hindenburgring und die Urseler Straße betreffend sind wir im Begriff, eine Mikrosimulation durchführen zu lassen. Drei Varianten werden dabei simuliert: Variante eins spielt die Einrichtung einer „Umweltspur“ durch, die sich Busverkehr und Fahrradfahrer teilen, Variante zwei spielt durch, welche Auswirkungen es auf den Verkehr hat, wenn man eine Fahrspur für Fahrradfahrer und eine für den Autoverkehr hat, Variante drei, wie es aussieht, wenn man eine überbreite Fahrspur für den Autoverkehr lässt und eine 2,30 Meter breite Spur für Radler. In einem weiteren Schritt, aufbauend auf dem Ergebnis der großen Verkehrsuntersuchung Hessen- und Hindenburgring und Urseler Straße, wird am Knotenpunkt Urseler Straße, Feldberg- und Jacobistraße die Maßnahme Radverkehrsfurt inklusive Radsignalisierung untersucht, um künftig ein konfliktfreies Queren zu ermöglichen.

Was ist mit der Kaiser-Friedrich-Promenade?

Wir prüfen derzeit, welche Veränderungen machbar sind, um allen Verkehrsteilnehmern gerecht zu werden.

Was wird noch geprüft?

Unter anderem die Erweiterung des Fahrradparkhauses am Kulturbahnhof. Mehr Fahrradfahrer in der Stadt bedeutet, dass die Räder auch sicher irgendwo abgestellt werden müssen. Dafür wollen wir sorgen.

Apropos sicher: Der Lift am Bahnhof ist ständig kaputt. Wer mit dem schweren E-Bike unterwegs ist, hat da ein Problem.

Das ist erst mal Sache der Bahn, aber der Anschluss an den Öffentlichen Personennahverkehr ist immens wichtig. Insofern bin ich mit der Bahn in Kontakt und an der Sache dran. Alternativ wurden kürzlich Fahrradschienen montiert. Somit sind alle Gleise (2 und 3 sowie 4 und 5) für Radfahrer über eine Schiene erreichbar.

(Interview: Sabine Münstermann)

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare