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Die 14 Monate alte Lily geht zwischen dem Ensemble, in dem ihr Vater flötet, spazieren.

Nachwuchs

„Babykonzerte“ sind gefragt

Das Musik für die Entwicklung von Kindern hilfreich ist, sehen Experten skeptisch.

Im Foyer des Großen Hauses in Wiesbaden liegen bunte plüschige Kissen. Einige Zuschauer haben Decken ausgebreitet und die Schuhe ausgezogen. Manche liegen mit halb geschlossenen Augen da, andere kauen auf mitgebrachtem Essen herum. Die Konzertbesucher gehören zu den jüngsten: „Brüderchen, komm tanz mit mir“, heißt das Programm des Wiesbadener Staatstheaters für Kinder bis drei Jahre.

Vor den Musikern liegen ein Vogelkäfig, Block- und Holzflöten, ein Plastik-Saxofon und bunte Plakate mit Instrumenten drauf. Anfassen ausdrücklich erlaubt. Die drei Querflöten spielen Musik von Humperdinck über Strauß bis Mozart. „Die Stücke dürfen nicht zu lang sein“, erklärt Gisela Reinhold die Auswahl. Sie organisiert die Reihe und führt charmant durch den Vormittag. Außerdem sollen verschiedene Klangfarben vertreten sein, also mal ein Solo oder ein Duett. Kurze Gedichte oder Fingerspiele gehören ebenfalls zum Programm.

„Babykonzerte“ seien im Kommen, erklärt der Deutsche Bühnenverein, wenngleich ihre Zahl statistisch nicht erhoben wird. Auch andere hessische Einrichtungen haben die Zielgruppe für sich entdeckt. In der Alten Oper in Frankfurt gibt es seit der Saison 2012/13 das Pegasus-Programm. Für die Kleinsten, hier „Entdecker“ genannt, stehen pro Spielzeit 36 Konzerte auf dem Programm. Eine Hälfte für Krippengruppen, die andere Hälfte für Kleinkinder mit ihren Eltern.

In Wiesbaden unternahm das Theater vor etwa vier Jahren einen ersten Versuch mit Babykonzerten, berichtet Reinhold. Die 50 Karten für rund 3 Euro waren im Nu ausverkauft. Vier bis fünf Termine pro Spielzeit gibt es mittlerweile, die maximal 120 Plätze im Foyer sind meist lange im Voraus belegt. „Die Kinder reagieren positiv auf harmonische Musik, sie sollte nicht zu dissonant sein“, hat Reinhold beobachtet.

Intensive Forschung läuft

Die Auswirkungen von Musik auf die Entwicklung von Kindern ist noch Gegenstand intensiver Forschung, erläutert Hirnforscher Manfred Spitzer. Es gebe eine Reihe von Hinweisen darauf, dass Musik tatsächlich die Gehirnentwicklung fördert. „Wichtig ist, dass die positiven Effekte beim aktiven Musizieren, also nicht beim passiven Konsumieren von Musik gefunden wurden“, sagt der Ärztliche Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik Ulm. Damit Musik sich positiv auf Kinder auswirke, müsse man mit ihnen singen und spielen.

Das bestätigt der Marburger Kinder- und Jugendarzt Stephan Heinrich Nolte. Singen und spielen hält er für wertvoller als schon mit Säuglingen oder Kleinkindern Konzerte zu besuchen. „Musik tut uns gut“, ist der Arzt sicher. Für das Gehör der Kleinsten sei sie auch nicht schädlich, solange sie nicht zu laut sei.

Kerstin Bicsák ist mit ihrer Tochter Lily zum ersten Mal beim „Babykonzert“. Ihr Mann Mátyás Bicsák ist einer der Flötisten. „Lily mag Musik“, sagt Bicsák über ihre 14 Monate alte Tochter. Tatsächlich ist diese fasziniert von dem, was ihr Vater da so tut. Sie klammert sich abwechselnd an seinem Bein oder am Notenständer fest. Bicsák, ganz Profi, lässt sich jedoch nicht beirren.

„Die Musik ist mir zu lang“, sagt plötzlich ein Junge in einem schicken weißen Hemd laut und deutlich. Belustigtes Kichern der Eltern ist die Antwort. Dass die auch ihren Spaß am Konzert haben, zeigt sich in Gesprächen hinterher. Elisabeth Gründer etwa, die aus der Nähe von Zürich kommt und gerade ihre Eltern in Rüsselsheim besucht, bedankt sich bei Gisela Reinhold für den schönen Vormittag. „Ich selbst vermisse es sehr, in die Oper oder in ein Konzert zu gehen, das war jetzt für mich eine gute Gelegenheit.“ (dpa)

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