Die Straßenambulanz der Caritas kümmert sich seit einem Jahr um Obdachlose. Rolf Oeser
+
Die Straßenambulanz der Caritas kümmert sich seit einem Jahr um Obdachlose.

AWO-Skandal

Hessens Wohlfahrtsverbände fürchten um ihren guten Ruf

  • Pitt v. Bebenburg
    vonPitt v. Bebenburg
    schließen

Hessens Sozialminister Klose lobt die Wohlfahrtsverbände als „Säule des Sozialstaats“, verlangt aber rückhaltlose Aufklärung bei der Arbeiterwohlfahrt.

Sie betreuen alte Menschen und betreiben Kitas, sie pflegen Kranke und unterstützen Flüchtlinge, sie treten als Lobby für arme Menschen ein und ermöglichen Selbsthilfegruppen für die unterschiedlichsten Bedürfnisse. Die Wohlfahrtsverbände haben in der Organisation der sozialen Hilfen eine zentrale Rolle in der ganzen Republik inne. In Hessen betreiben die Verbände mehr als 7000 Einrichtungen, haben mehr als 120 000 Beschäftigte und rund 160 000 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer.

Viele von ihnen sind empört über das, was derzeit bei der südhessischen Arbeiterwohlfahrt (AWO) ans Licht kommt. In den AWO-Kreisverbänden Frankfurt und Wiesbaden haben ranghohe Mitarbeiter offenbar sehr hohe Bezüge kassiert, teure Dienstwagen gefahren, von zusätzlichen Beraterverträgen profitiert. Auch Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) ist unter Druck geraten wegen einer früheren Stelle bei der AWO und wegen der Bezahlung seiner Frau auf einer AWO-Stelle. In den Wohlfahrtsverbänden geht die Sorge um, dass die eigene gute Arbeit durch den AWO-Skandal in Misskredit geraten könnte.

„Wir beobachten die Berichterstattung sehr genau“, sagt der hessische Sozialminister Kai Klose (Grüne) auf Anfrage der FR. Die „rückhaltlose Aufklärung“ der Ereignisse bei den AWO-Kreisverbänden Frankfurt und Wiesbaden sei aus seiner Sicht zwingend, „vor allem auch im Interesse der vielen ehrenamtlich Tätigen, die täglich unentgeltlich Arbeit für die Allgemeinheit leisten“. Er bezeichnet die Wohlfahrtsverbände als „Säule des Sozialstaats“. Sie übernähmen zentrale Aufgaben im sozialen Bereich und stärkten so den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

AWO-Skandal: Land Hessen verlangt mehr Transparenz

Das Land unterstützt die Arbeit der Wohlfahrtsverbände mit einem Millionenbetrag, der aus Lottomitteln stammt. Mit einer Änderung des Glücksspielgesetzes hatte der Hessische Landtag diese Summe vor kurzem angehoben. Bisher flossen 5,3 Millionen Euro pro Jahr, künftig sind es zehn Prozent mehr.

Wohlfahrtsverbände in Hessen - ein Überblick

„Bürgerinnen und Bürger haben einen Anspruch auf Information darüber, wie sich gemeinnützige Organisationen finanzieren und wie sie mit öffentlichen Mitteln wirtschaften“, sagte Klose. Dem müsse man stärker als bisher gerecht werden.

Deshalb lässt der Grünen-Politiker prüfen, „wie wir eine Datenbank zur Schaffung von mehr Transparenz für die Öffentlichkeit sowie im Interesse der vielen Spender und Ehrenamtlichen aufbauen können“.

Bereits kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, im Jahr 1946, hatten sich die Verbände in der „Liga der Freien Wohlfahrtspflege in Hessen“ zusammengeschlossen. Dort vertreten Caritas und Diakonie, der Paritätische und das Deutsche Rote Kreuz (DRK), die Jüdische Wohlfahrtspflege und die Arbeiterwohlfahrt gemeinsam ihre Interessen. Auch die Liga hat sich schon bald nach dem Bekanntwerden mit den Vorwürfen gegen die AWO beschäftigt. Der AWO-Bezirksverband Hessen-Süd müsse „zügig für Aufklärung und Transparenz sorgen, ohne die handelnden Personen“, fasst der Vorstandsvorsitzende Nils Möller den Beschluss des Liga-Gesamtvorstands zusammen.

AWO-Skandal: Richter gilt als eine Schlüsselfigur

„Die Liga hat zwar keine Durchgriffsrechte auf die Mitglieder, appelliert aber an ein verantwortungsvolles Verhalten aller Liga-Verbände, um öffentlichen Schaden von den Bündnispartnern abzuwenden“, erläutert er.

Möller, im Hauptberuf DRK-Landesgeschäftsführer, amtiert noch bis Jahresende als Vorstandsvorsitzender der Liga. Zum Jahreswechsel wird er turnusgemäß von der Parität-Geschäftsführerin Yasmin Alinaghi abgelöst.

Die Initiative des Landes für mehr Transparenz trifft bei den Wohlfahrtsverbänden auf Wohlwollen. „Die Liga Hessen setzt sich seit 2013 für Transparenz bei der Verwendung öffentlicher Gelder ein und hat bereits in 2016 eine Vereinbarung hierzu mit dem Land Hessen abgeschlossen“, berichtet Möller. Die Liga-Verbände würden sich „auch weiterhin mit der Landesregierung für Transparenz bei der Verwendung öffentlicher Mittel einsetzen und diese weiterentwickeln“.

Dem Liga-Vorstand gehört Ansgar Dittmar an, der Geschäftsführer der AWO Hessen-Süd, der am Freitag als Vorsitzender des Frankfurter AWO-Kreisverbands zurückgetreten war. Bis zur vergangenen Woche war auch Jürgen Richter noch als Mitglied des Liga-Vorstands auf deren Homepage aufgeführt gewesen. Inzwischen wurden sein Name und sein Bild gelöscht.

Richter gilt als eine Schlüsselfigur des Skandals. Er war seit fast drei Jahrzehnten AWO-Vorsitzender in Frankfurt und gleichzeitig stellvertretender AWO-Chef in Wiesbaden. Er soll das System mit aufgebaut haben, bei dem mit Hilfe von intransparenten Strukturen großzügige Einkommen und Zusatzleistungen an leitende Funktionäre verteilt worden sein sollen.

Für die Liga war Richter jedoch nicht von der AWO entsandt worden, sondern als ehrenamtlicher Vertreter der Jüdischen Wohlfahrtspflege, des kleinsten Verbands in der Liga. „Wir waren heilfroh, dass wir Dr. Richter gewinnen konnten, weil er eine absolute Kapazität war“, sagte der Geschäftsführer des Landesverbands der Jüdischen Gemeinden in Hessen, Daniel Neumann, der Frankfurter Rundschau.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare