Heinrich Nuhn erforscht seit Jahrzehnten die jüdische Geschichte im nordöstlichen Hessen.
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Heinrich Nuhn erforscht seit Jahrzehnten die jüdische Geschichte im nordöstlichen Hessen.

Jüdische Geschichte

Autor und Historiker Heinrich Nuhn:Unermüdlich gegen das Vergessen

  • vonJoachim F. Tornau
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Heinrich Nuhn erforscht seit Jahrzehnten die jüdische Geschichte im nordöstlichen Hessen.

Nein, sagt Heinrich Nuhn zunächst, angefeindet werde er für das, was er tut, eigentlich nicht. Aber dann erzählt er doch von anonymen Drohbriefen, die mindestens im Jahresrhythmus bei ihm eingingen und die zuletzt immer massiver geworden seien. Und von einem antisemitischen Anruf, den er seit drei Jahren nicht von seinem Anrufbeantworter gelöscht hat und den er mittlerweile auswendig hersagen kann: Jetzt sei es doch mal gut mit der ewigen Erinnerung an den Holocaust, und überhaupt sei es ja viel schlimmer, was die Juden heute mit den Palästinensern machten.

Nuhn, gerade 82 Jahre alt geworden, ist promovierter Zeithistoriker, pensionierter Lehrer und Kurator des von ihm initiierten Museums im einstigen jüdischen Ritualbad in Rotenburg an der Fulda. Seit Jahrzehnten macht er sich mit nimmermüdem Einsatz um die Aufarbeitung der jüdischen Geschichte im nordöstlichen Hessen verdient. Und rechte Pöbler, das wird im Gespräch mit dem trotz seines Alters immer noch energiegeladenen Mann schnell deutlich, sind das Letzte, was ihn davon abbringen könnte.

Schließlich hat ihn genau so jemand erst zu seinem Lebensthema geführt: In den frühen neunziger Jahren veröffentlichte ein Rotenburger seine Kindheitserinnerungen an den Nationalsozialismus. Tenor: Alles halb so wild, niemand habe von der Judenvernichtung gewusst und den örtlichen Juden sei sowieso nichts passiert. „Ich hatte Sorge, dass die Zeitgeschichte im falschen Sinne geschrieben wird“, sagt Nuhn. Und er habe sich in der Pflicht gesehen, gegenzusteuern. „Das klingt jetzt etwas schwülstig: Wenn nicht jetzt, wann dann. Wenn nicht ich, wer sonst.“ Denn bereits in seinem Studium hatte er sich mit dem politischen Antisemitismus in der Region beschäftigt. Er wusste, dass die Antisemitenparteien des Kaiserreichs nirgends so erfolgreich gewesen waren wie hier. Und dass schon 1932 die absolute Mehrheit der Wähler in den damaligen Landkreisen Rotenburg und Hersfeld für die NSDAP stimmte. Später sollte Hersfeld dann die erste Stadt in Nazi-Deutschland werden, deren Synagoge in der Pogromnacht 1938 vollständig zerstört wurde.

Zu behaupten, dass sich Nuhn in die selbst gestellte Aufgabe hineingekniet hätte, wäre gehörig untertrieben. Er begann zu forschen, allein und zusammen mit Schülern in der von ihm gegründeten „AG Spurensuche“. Er veröffentlichte Artikel und Bücher, konzipierte Ausstellung um Ausstellung. „Schulferien waren Archivferien“, erinnert sich Nuhn. Und auch seit dem Ruhestand verlasse er seine Heimatstadt Rotenburg fast nur noch, um Archive zu besuchen. „Ich wäre unglücklich“, sagt er mit feiner Selbstironie, „wenn ich weiteren Hobbys frönen müsste.“

Der unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz und dem German Jewish History Award ausgezeichnete Historiker war maßgeblich daran beteiligt, dass die jahrhundertelang genutzte Mikwe, das Ritualbad der Rotenburger Juden, wiederentdeckt und als Herzstück eines regionalen Judaica-Museums erhalten blieb. Und er hat über die Jahre viele persönliche Kontakte geknüpft zu Jüdinnen und Juden, die von den Nazis aus der Region vertrieben wurden, zu ihren Kindern, Enkeln und Urenkeln überall auf der Welt. Hat sie eingeladen und beherbergt.

Nicht zuletzt dank der Informationen und privaten Dokumente, die sie ihm zur Verfügung gestellt haben, konnte er in seinem kürzlich erschienenen jüngsten Buch die Geschichte und die Geschichten der meisten jüdischen Familien Hersfelds detailliert nachzeichnen. Der 300 Seiten starke Band mit dem Titel „Sie waren unsere Nachbarn“ ist weit mehr als ein Gedenkbuch für die 119 Hersfelder Juden, die im Holocaust ermordet wurden. Auch die, denen die Flucht gelang, die überlebt haben, werden vorgestellt – und ihre Nachkommen, die heute in Israel leben, in den USA, in England oder Südafrika. Wie viele Namen in diesem bemerkenswerten Buch vorkommen, weiß der Autor selbst nicht so genau. Mehrere Hundert, schätzt er, dürften es wohl sein.

Der antisemitische Anrufer von damals hatte seine Tiraden übrigens etwas erstaunlich beendet. „Danke schön“, raunzte er in den Hörer. Heinrich Nuhn hat das als Ansporn verstanden.

Heinrich Nuhn:Sie waren unsere Nachbarn. Hersfelds jüdische Familien. Rotenburg/Fulda (Verlag AG Spurensuche) 2019. 300 reich bebilderte Seiten, 20 €. ISBN 978-3-933734-17-7.

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