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Auto neben Auto: Ein Montagabend, der im Autokino Gravenbruch wohl besser gelaufen ist als in Nicht-Corona-Zeiten.

Neu-Isenburg

Ausverkauftes Haus im Autokino Gravenbruch

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Nach der Lockerung der Pandemie-Vorschriften darf das Autokino Gravenbruch seit Montag wieder öffnen. Filmfans kommen von weit her: „Wir wollten unbedingt mal wieder raus.“

Allein schon die Autokennzeichen sprechen Bände: Selbst aus Mannheim, Kaiserslautern und Erlangen-Höchstadt sind die Menschen für zwei Stunden Kinoerlebnis angereist. Alles, was Spaß macht, hat in Hessen immer noch geschlossen, aber das Autokino im Neu-Isenburger Stadtteil Gravenbruch darf am Montagabend erstmals wieder öffnen – wenn auch ohne Verkauf von Snacks und Getränken. Schon die erste Vorstellung ist ausverkauft.

Zehn Ordner sorgen dafür, dass auch beim Mindestabstand alles in geregelten Bahnen abläuft.

Proppenvoll ist das älteste Autokino Europas bei Vorstellungsbeginn um 21.15 Uhr zwar nicht, aber das darf es in Zeiten von Corona auch nicht sein. Lediglich 250 Autos werden auf die große Asphaltfläche gelassen, damit die Abstandsregel gewahrt bleibt – Platz ist für 1088 Wagen.

Gleich nach der Abzweigung zum Gelände bekommt der Kinofan erklärt, wie automobile Lichtspielhäuser in diesen Tagen funktionieren: Laminierte Zettel mit der Aufschrift „Bitte Fenster geschlossen lassen und das Ticket vorzeigen“ hängen an rot-weißen Pfosten. Die Seitenscheibe darf nicht heruntergekurbelt werden, der Barcode des Tickets wird an der Kasse durch die Scheibe gescannt.

Zehn Einweiser sorgen eine Stunde lang dafür, dass der Mindestabstand von zwei Metern gewährleistet ist. Ein Autofahrer, der sich seinen Platz selbst suchen will, wird sofort zurückgepfiffen: „Entschuldigung, hier ist keine freie Platzwahl.“ Auf den zwei riesigen Leinwänden erscheinen dann Hinweise: „Bitte im Auto bleiben, Fenster und Türen müssen geschlossen bleiben.“

Raus darf nur, wer das stille Örtchen aufsuchen muss. Und auch hier Corona-Restriktionen: Auf den Damen- und Herrentoiletten ist jeweils nur ein Besucher erlaubt. Die Warteschlange ist vor allem bei den Damen riesig.

Max und Daniel aus Ober-Ramstadt sind kurz ausgestiegen, um die Frontscheibe ihres Autos mit Küchenrolle und Glasreiniger zu putzen. „Das Wichtigste im Autokino sind gute Sicht und schönes Wetter“, sagen sie und erklären, dass sie „auch ohne Corona gerne ins Autokino gehen“.

Tickets

Tickets fürs Autokino sind nur online unter www.autokinogravenbruch.de erhältlich. Eine Abendkasse gibt es nicht.

Der Eintritt kostet acht Euro pro Person.

Vorstellungen mit je zwei Filmen finden aktuell täglich um 21.15 Uhr und um 24 Uhr statt.

Pro Auto sind maximal zwei Personen erlaubt plus eigene Kinder unter 14 Jahren.

Essen und Getränkemüssen mitgebracht werden. Auf dem Gelände werden zurzeit keine Snacks verkauft. 

Ein Besucher, der namentlich nicht genannt werden will, hat die Vorteile des Ortes erkannt: Hier sitze man im Gegensatz zum konventionellen Kino nicht neben möglicherweise unangenehm riechenden Menschen und werde auch nicht durch Knabbergeräusche oder raschelnde Chipstüten beim Film gestört.

Noel Mattia und Simona Brylka aus Hanau stören sich wenig an solchen Geräuschen. „Wir wollten unbedingt mal wieder raus“, sagt Simona. Die jungen Frauen haben sich mit Chips und Gummibärchen eingedeckt, die hinter der Windschutzscheibe zusammen mit einer kleinen Lichterkette bereitliegen. Zwei Decken sollen gegen die Nachtkälte helfen. Noel erlebt ihre Autokinopremiere. „Man hat hier ein bisschen Privatsphäre, kann auch mal reden, ohne dass andere gestört werden“, stellt sie fest.

Ein paar Meter weiter ist für ein junges Paar Essenszeit, bevor der Film „Nightlife“ anfängt. Die beiden haben sich selbst gemachte Nudeln mit Pesto mitgebracht.

Gleich nebenan sitzt Hendrik Grebe aus Darmstadt mit seiner Frau im Van. Er sei vor 40 Jahren zum ersten Mal im Autokino Gravenbruch gewesen, sagt er – und kann sich noch an den Film erinnern: „Elliot, das Schmunzelmonster“. Zufällig sei er nun auf die erste Vorstellung in der Corona-Krise gestoßen. „Ich habe gehört, dass die Mundartband Brings ein Konzert im Kölner Autokino gegeben hat, und habe deshalb gegoogelt.“ Bei seinem Nachbarn Ralf Knies, der mit Freundin und Tochter gekommen ist, liegt der letzte Besuch im Autokino 20 Jahre zurück. „Die Freundin sitzt seit vier Wochen zu Hause und wollte mal raus“, sagt er. Der Abend ist für ihn ein Schritt zurück zur Normalität.

Das Ehepaar Stöve ist mit einer von drei Töchtern aus Geisenheim im Rheingau angereist und hat Käsewürfel, Erdbeeren, Oliven, Chips und eine bunte Lichterkette mitgebracht. Ein Facebook-Hinweis einer Freundin auf das Autokino in Essen habe sie dazu gebracht, ein Pendant in der Umgebung ausfindig zu machen, sagt Andrea Stöve, die sich durchaus vorstellen kann, „dass das jetzt Kult wird“.

Richtiges Ambiente und typische Snacks – der Film kann beginnen.

Am 16. März mussten die Betreiber in Gravenbruch schließen. Seitdem sind Betriebsleiter Heiko Desch nach eigener Aussage inklusive Snackbar-Umsatz rund 150 000 Euro durch die Lappen gegangen. „Unsere anderen Kinos in Essen und Kornwestheim durften nach drei beziehungsweise zwei Tagen wieder öffnen“, sagt der 48-Jährige und betont, man habe „überall den gleichen Antrag gestellt“. Von der Stadt Neu-Isenburg und vom Regierungspräsidium Darmstadt sei nur ein kategorisches Nein zu hören gewesen. „Auf unser Corona-Konzept wurde nicht eingegangen.“

Umso schöner ist für Desch nun der Erfolg schon am ersten Abend – auch wenn die 24-Uhr-Vorstellung besser hätte laufen können. Zur Geisterstunde finden sich nur rund 130 Autos mit Nachtschwärmern ein.

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